Auf beiden Augen blind

31. Jänner 2011, 17:33
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Seit dem Wochenende zeigt die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München die Ausstellung "Orientalismus in Europa": programmatisch, intellektuell, didaktisch und politisch enttäuschend

Diese Schau ist ein Rückfall. Ein Rückfall in längst vergessen geglaubte Zeiten. Vor mehreren Jahren annoncierte die Hypo-Kunsthalle in München eine Gauguin-Schau mit dem Namen des Künstlers in Großbuchstaben. In der Werbung unterschlagen wurde dezent der Zusatz "und seine Schüler" . Zu sehen waren dann ein paar mittelmäßige Gauguin-Arbeiten, in erster Linie jedoch Werke der Eleven und Epigonen.

Nun flattern an der Fassade der Hypo-Kunsthalle leuchtende Fahnen, die Gemälde von Eugène Delacroix bis Wassily Kandinsky in Aussicht stellen. Diesmal einem übergreifenden Thema zugeordnet: dem Orientalismus in Europa. Welch eine wagemutige, weil hochpolitische, rasend aktuelle und durch und durch aufregende Thematik! Was könnte man hier an aufrüttelnden Bezügen und Verwerfungen aufzeigen, an Vorurteilen, Vorgriffen und visuellen Projektionen, an naiver Sehnsucht nach dem ganz Anderen, an erotischer Heuchelei und von Neugier befeuertem Studium.

Doch die Kunsthalle führt mit dieser von Roger Diederen konzipierten Schau, eine der raren Eigenentwicklungen des Hauses, tief zurück in die 1980er-Jahre: als München berüchtigt war als Ort rein kulinarischer Museumsausstellungen, die sich in ihrer Opulenz selbst genügten. Und auch jetzt gibt es wieder einen Etikettenschwindel. Denn von Delacroix sind nur ein paar wenig überzeugende Gemälde ausgestellt, von Kandinsky zwei Blätter.

Kaum Meisterwerke

Dazwischen und davor hängt Salonkunst, sind vergessene akademische und modische Salonmaler des 19. Jahrhunderts zu sehen. Kaum etwas aber von den von der Direktion angepriesenen 150 "Meisterwerken" von 100 Malern aus Deutschland, Österreich und Frankreich, England, Italien und Spanien, Russland und Amerika.

Die letzten Orientalismusschauen liegen mehr als 20 Jahre zurück. 1984 zeigte die Royal Academy in London eine Übersicht, 1989 der Berliner Martin-Gropius-Bau Europa und der Orient. Vor kurzem wurde Edward Saids Orientalismus-Buch neu aufgelegt; aktuell ist Gérard-Georges Lemaires gleichnamige kunsthistorische Monographie zum Sonderpreis zu haben. Mehrere Ausstellungen setzten sich jüngst mit Ornament, Ornamentalem und orientalischer Kunst auseinander.

Doch in der didaktisch indiskutablen Münchner Ausstellung findet sich kein Verweis darauf. Auch keiner auf die ideologische Imprägnierung der Exponate. Mutlos taucht, was Diederen in zumeist zweitrangigen Museen ausfindig machte, in einen binnenkunsthistorischen Diskurs ab.

Das ist verstörend: Dass das Publikum, will es nicht nomadenhaft vom Audioguide straff durch die Ausstellung geführt werden, allein gelassen wird. Nie wird deutlich, vor welchen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Hintergründen sich die künstlerischen Entdeckungen des Orients abspielten. Und wie andererseits der Orient auf der Europäer Vorstellung reagierte.

Unterteilt hat Diederen seinen Exotismus-Reigen in elf Sektionen, die die Chronologie sauber widerspiegeln und von den Anfängen der Ägyptomanie bis zur Moderne reichen. Es beginnt mit Napoleons Ägypten-Feldzug, militärisch ein Desaster, wissenschaftlich jedoch eine Signalzündung auslösend durch die monumentale Description de l'Égypte, an dem ein Vierteljahrhundert gearbeitet wurde, und endet mit van Dongen und Matisse, Macke und Paul Klee. Magische Verzauberung und Religion (besser gesagt: Propaganda vor allem der katholischen Kirche), Wüste und Nil, Haschisch und Harem, Wissenschaft, Kolonialismus,

Imperialismus und Sklavenhandel werden ordentlich vor tiefrot, lodengrün, violett, dunkeltürkis gestrichenen Wänden benannt. Sie tauchen zwar als Sektionsüberschriften auf, aber ohne jede Bezugnahme auf gleichzeitige geschichtliche Prozesse.

Dabei führen etwa ethnologischen Kopfstudien direkt auf im 19. Jahrhundert aufkommende, rasch virulente bösartige pseudowissenschaftliche Theorien von Rasse, Volk und Suprematie zu. Erkenntnisse werden hier unter opulent gleißendem Öl erstickt. (Alexander Kluy, DER STANDARD - Printausgabe, 1. Februar 2011)

Bis 1. Mai in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München

  • Eines der wenigen Highlights: "Arabischer Friedhof"  (1909) von Wassily 
Kandinsky.
    foto: vg bild-kunst, bonn 2011

    Eines der wenigen Highlights: "Arabischer Friedhof" (1909) von Wassily Kandinsky.

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