Rating-Meinungshandel

31. Jänner 2011, 19:05
17 Postings

Schon im Jänner 2009 wurde die Rolle der "großen drei" Ratingagenturen im globalen Finanzcrash als Hehler statt als Marktgendarmen angesprochen*. Seither wissen wir noch mehr über ihre Fehlurteile und Korruption. Doch nichts geschieht, Regulierungsversuche des Binnenmarktkommissars waren ebenso erfolglos wie der US Securities and Exchange Commission (SEC). Der nächste Kollaps wird vorbereitet - und damit Unruhen in Europa?

Was hielten Sie von einer Wetterwarte, die bei Tsunami Schönwetter ansagt? Ärzten, die 89 Prozent der Fälle falsch diagnostizieren - und fette Erfolgshonorare kassieren? Schiedsrichter, die von Wettbewerbsteilnehmern bezahlt werden? Gutachtern, die wiederholt folgenlos Fälschungen als echt oder Hochriskantes als harmlos beglaubigen? Apothekern, die tödliche Giftkapseln als Heilmittel empfehlen? Und von Aufsichtsbehörden und Politikern, die all dem weiter zusehen statt Täter aus dem Verkehr zu ziehen?

Die weltweit großen drei Ratingagenturen waren noch mehr daneben - und mit globalen Folgen noch korrupter. Triple A etwa bedeutet Risikosicherheit gegen Totalausfall für die nächsten 3.000 Jahre. Moody's versah 2006 nur vier (!) Industriebetriebe in den USA (darunter weder Apple, Google, IBM, Coca Cola), dafür aber 9029 (!) gebündelte Immobilienkredite, von denen heute 8036 nichts mehr wert sind, mit dieser Bestnote - eine milliardenschwere "Dreifach-A-Fabrik", so der Vorsitzende der Financial Crisis Inquiry Commission lapidar. Pleitefirmen von Enron bis Parmalat erhielten gute Noten und Lehman Bros hatte bei Fitch nur Stunden vor dem Zusammenbruch (Note D) mit A+ noch die drittbeste Bonitätsbewertung.

Ratings sind, nach der Definition eines Vizepräsidenten eines der drei Rating-Oligopole, "am Markt genützte beziehungsweise gehandelte Meinungen. ... Rating ist keine Wissenschaft, sondern Business". Rating "ist eine Meinung", die allerdings "theoretisch fundiert" sein und "sich wissenschaftlicher Methoden" und Einsichten bedienen sollte, also "research" voraussetzt. So wie klinische Diagnose in der Medizin eine Kunst ist, die auf vielen einzelnen Wissenschaften beruht, ohne selbst eine zu sein. Doch kein Arzt ist frei von Verantwortung und Haftung für "Kunstfehler".

Praktisch werden "Meinungen" über die Bonität einzelner Länder (mit denen Ratingagenturen direkt in die Fiskal- und Sozialpolitik eingreifen, indem sie die Zinslasten - sowie Art und Preis der Reformerfordernisse - mitbestimmen), durch Komitees von acht bis zehn Analysten weltweit verantwortet. Der jeweilige Country Lead Analyst muss seine "Meinung" vor dem Komitee vertreten, jedes Mitglied einschließlich des Country Lead Analyst hat eine Stimme, die "Experten"-"Meinungen" führen zu jährlichen Reports über jedes Land, mit vierteljährlichen Aktualisierungen der Bonitätsgrade.

Emittenten und Investoren zahlen für das Ratinggeschäft, wobei die Bewertung von Unternehmen und ihrer Produkte in den Jahren vor dem großen Börsenkrach 2008 zusammen mit den Finanzmärkten geradezu explodierten - ein paar Ländern stehen zigtausende Großunternehmen und hunderttausende Finanzfonds gegenüber.

Bei den Länderbewertungen konfrontieren die Ratingagenturen die Finanzministerien der betreffenden Staaten mit den Analysen von Weltbank, IWF, OECD und nationaler Forschungszentren und basieren dann die eigenen Länderberichte einfach auf diesen Stellungnahmen. Ein paar Wochen Arbeit, "wet guesses", operative Gewinnmargen von 50 Prozent, tolle Gagen, schwerwiegendste politische und soziale Folgen - und bisher völlig folgenlose schwerwiegendste Fehlurteile. Der Finanzkollaps kann wieder passieren. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2011)

Share if you care.