Identitätswahnsinnige und Privatinvasionen

31. Jänner 2011, 17:24
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"Invasionen des Privaten": Anna Kims Essay über Identität, Fremdheit und das Nichtankommenkönnen

Wien - "Wenn man mich fragt, warum ich reise, antworte ich: Ich weiß wohl, wovor ich fliehe, aber nicht, wonach ich suche", schrieb Michel de Montaigne, um im dritten Band seiner Essais zu postulieren: "Ich schildere nicht das Sein, ich schildere das Unterwegssein."

Um das Unterwegssein, das Nichtankommenkönnen, das Hybride, um Fremdefinitionen und vorgegebene Identitätsfestschreibungen geht es auch in Anna Kims Essay Invasionen des Privaten (Droschl Verlag), in dem es heißt: "Der Reisende ist der Zwilling des Fremden, die verborgene Seite unserer Identität."

Die Reise, um die es in dem schmalen Bändchen geht, führte die 1977 geborene, in Wien und Pristina lebende Autorin in die Kälte und Weite des Nordens, nach Grönland, auf die größte Insel der Erde, die wie ein riesiger, gestrandeter Wal am Rand des Nordpolarmeers liegt. Es handelt sich hier aber, das macht Anna Kim schon in ihrem kurzen, dem Essay vorangestellten Prolog klar, nicht nur um die Fahrt in ein uns weitgehend unbekanntes Land, sondern auch um eine Reise ins Innere, zu sich selbst.

Denn in Grönland findet die Autorin, die als Zweijährige aus Südkorea nach Österreich kam, völlig unerwartet und doch nicht zufällig Versatzstücke und Problemfelder der eigenen Biografie. Sie besucht Nuuk, Kangerlussuaq und Thule, redet mit Inselbewohnern, Museumsdirektoren und dem Premierminister Kuupik Kleist.

Die Autorin beobachtet präzis, recherchiert genau und registriert aufmerksam die Körpersprache des jeweiligen Gesprächspartners. Trotz der zahlreichen historischen Details und Sachinformationen dominiert aber in Invasionen des Privaten die sinnliche Wahrnehmung, das ist einer der vielen Punkte, die diesen Essay so lesenswert machen. So sind die ersten Kapitel des Textes der Geschichte Grönlands gewidmet. Von der protestantischen Missionierung der Inuit durch den norwegischen Pfarrer Hans Egede über die dänische Kolonialisierung und die "Beförderung" zum gleichberechtigten Teil Dänemarks bis zur Selbstverwaltung (1979) und Gegenwart wird der Bogen geschlagen.

Angelpunkte

Dreh- und Angelpunkt des Essays aber ist die Geschichte der Inuit, die von den Kolonialisatoren zu Menschen nicht zweiter, sondern (nach den Mischlingen) dritter Klasse gemacht wurden.

Groteskerweise waren bis ins 19. Jahrhundert die Kolonialherren vom Jagdwissen der von ihnen als "Wilde" bezeichneten Inuit abhängig, da Robbentran auf dem Festland als Brennstoff äußerst begehrt war. Kurzfristig erreichte die Insel dann in den kalten Kriegen des 20. Jahrhunderts noch eine geopolitische Bedeutung als Zwischenlandeplatz, was zu weiteren Umsiedlungen der Inuit führte. Damals war allerdings deren Kultur, Sprache und ihr Selbstverständnis längst zerstört.

Vor dieser Folie tauchen naturgemäß auch die heute viel diskutierten Termini "Identität" und "Assimilation" auf, die stets von den Stärkeren definiert, bzw. eingefordert werden. Gegen Ende des Buches leiht Anna Kim Karen, einer Grönländerin, die man als Kind nach Dänemark verschickte, ihre Stimme: "Warum ist es so schwierig zu akzeptieren, dass Abstammung und Identität nicht immer übereinstimmen müssen, fragt sie (...). Und sie äußert den Verdacht, dass der gängige Begriff von Identität ein fundamentalistischer sei: Wir sind identitätswahnsinnig, sagt sie."

Invasionen des Privaten ist ein sehr persönlicher, weit ins Allgemeine weisender Essay, der in einer Kurzfassung auch im - ebenfalls sehr lesenswerten - von Kurt Neumann und Manfred Müller herausgegebenen Band Mitsprache unterwegs. Literarische Reportagen (mit Beiträgen von u. a. Martin Pollack und Doron Rabinovici) zu lesen ist. (Stefan Gmünder, DER STANDARD - Printausgabe, 1. Februar 2011)

  • "Der Reisende ist der Zwilling des Fremden, die verborgene Seite unserer
 Identität": Anna Kim in ihrem Essay "Invasionen des Privaten".
    foto: standard/andy urban

    "Der Reisende ist der Zwilling des Fremden, die verborgene Seite unserer Identität": Anna Kim in ihrem Essay "Invasionen des Privaten".

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