Ex-Finanzvorstand: "Man wollte zuviel"

31. Jänner 2011, 14:53
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Für Rettberg war Marktlage schuld an der Pleite - Handelskette hatte Schulden 1999 verdoppelt

Wien - Am achten Tag im Libro-Strafprozess in Wiener Neustadt hat Richterin Birgit Borns nach den Gründen für die Pleite der Buch- und Papierhandelskette geforscht. Während Libros Ex-Chef Andre Rettberg vielfältige Ursachen von einer verschlechterten Marktlage, einer einsetzenden Konjunkturschwäche bis zum Kampf gegen die Buchpreisbindung nannte, zeigte sich Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl reuiger und gestand - "nach 10, 11 Jahren, in denen ich darüber nachgedacht habe" - auch Managementfehler ein. Jahrelang sei bei Libro immer alles "super" gewesen, aber "irgendwann hat man sich dann überschätzt" und in einen "Unverwundbarkeitsstatus" hineinbegeben, meinte Knöbl: "Man wollte zuviel".

"Peanuts"

Für Rettberg waren "nicht einer, sondern viele Gründe" für den Niedergang der Buch- und Papierhandelskette verantwortlich. Vordringlich seien die schlechte Marktlage, Sparen der Konsumenten und der Einbruch der Internetfirmen ab Sommer 2000 gewesen. Management-Versäumnisse konnte der ehemalige "Manager des Jahres" jedoch nicht erkennen. Von Lieferstopps wegen Zahlungsschwierigkeiten bei Libro will Rettberg nichts gewusst haben, außerdem habe es sich dabei um "Peanuts" gehandelt.

Libro hatte im Jahr 1999 seine Bankverbindlichkeiten von 830 Mio. auf 1,7 Mrd. Schilling verdoppelt, erinnerte die Richterin den Angeklagten. Im Mai 1999 hatte Libro an die "Altaktionäre" (Rettberg, Knöbl und die UIAG von Kurt Stiassny sowie andere) eine "Sonderdividende" in Höhe von 440 Mio. Schilling (32 Mio. Euro) ausgeschüttet. Rettberg verteidigte die Ausschüttung, Libro hätte bei den Banken noch offenen Kreditrahmen gehabt. Außerdem sei der Börsegang bevorgestanden, von dem man sich Einnahmen in Höhe von einer Milliarde Schilling erhofft habe. Die Bankschulden habe Libro für die Expansion der Internet-Tochter Lion cc, für Libro Deutschland und Amadeus aufgenommen. Beim von der Richterin in einigen Beispielen dargelegten Zahlungsverzug ging es laut Rettberg nicht um Liquiditätsprobleme, sondern lediglich um eine vom Unternehmen sogar angestrebte "Verlängerung der Zahlungsziele" bei den Lieferanten, um auf diese Weise zinslosen Kredit zu erhalten.

Kosten des Börsegangs

Der Börsegang im November 1999, der frisches Kapital brachte, hatte laut Rettberg zwischen 50 und 60 Millionen Schilling und laut Knöbl über 100 Millionen Schilling gekostet. Die Bankverbindlichkeiten der Handelskette sanken nach dem IPO zunächst, stiegen aber in den nächsten Monaten wieder an, schilderte die Richterin. Sie hielt den Angeklagten Mails vor, in denen Libro-Mitarbeiter instruiert wurden, die auf ihr Geld pochenden Lieferanten mit Ausreden hinzuhalten, etwa mit einem erfundenen Computercrash. Bereits nach Ausschüttung der Sonderdividende von 440 Mio. Schilling im Mai 1999 sei die Gesellschaft "buchmäßig überschuldet" gewesen, so die Richterin. Das Grundgeschäft von Libro sei aber gut gelaufen, konterte Rettberg.

"Lese mehr Bilanzen als Bücher"

Rettberg verteidigte auch die Ausgliederung verschiedener Bereiche, darunter Ticket-Verkauf, Verlag und Music-Label, in die "Entertainment" Company knapp vor dem Jahresabschluss im Jahr 2000. Die neue Tochter sei gleich mit 64 Mio. Schilling bewertet worden, obwohl sie Null Umsatz gehabt habe, hielt Gutachter Martin Geyer dem Ex-Vorstandschef vor. Diese Bewertung habe sich auf ein Gutachten der KPMG gestützt, verteidigte sich Rettberg. "Entertainment wurde nicht wegen der Bilanz ausgegliedert", betonte er, außerdem könne er Bilanzen weder erstellen noch lesen. Daraufhin zitierte die Richterin aus einem "Format"-Interview Rettbergs vor dem Börsegang, er lese derzeit mehr Bilanzen als Bücher. An diesen Ausspruch könne er sich gar nicht mehr erinnern, aber falls er es gesagt habe, wollte er nur ausdrücken, dass er bis über den Kopf in Arbeit steckte, so Rettberg.

Erst Anfang Mai 2001 sei ihm bewusst geworden, dass Libro in der Krise stecke, da der - mitangeklagte - Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann gewarnt habe. Daraufhin habe er "sofort reagiert" und einen Anwalt ins Unternehmen geholt. Dieser habe ihn aufgefordert, "machen Sie ja keine neuen Schulden". Er sei noch damals überzeugt gewesen, dass er bei Libro einen Ausgleich verhindern und das Ergebnis drehen könnte, sagte Rettberg heute. Doch Ende Juni 2001 musste Libro den Ausgleich beantragen, ein Jahr darauf den Konkursantrag stellen.

Anders als sein früherer Vorstandschef zeigte sich Ex-Finanzvorstand Knöbl bei seiner Befragung durchaus einsichtig. Sicher habe sich der Markt schlecht entwickelt, aber das Libro-Management habe auch Fehler gemacht. Sein schlimmster Fehler sei gewesen, das Vertrauen der Eigentümer und der Banken zu verlieren. "Rückblickend hätte ich vieles anders gemacht, hätte noch konsequenter sein sollen", deutete er Reue an. "Manche Manager kommen besser, manche schlechter durch die Krisen - ich habe zu den schlechteren gehört". (APA)

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