Interview zur Nachlese

"Letzte Gelegenheit, mit Anstand zurückzutreten"

Manuela Honsig-Erlenburg, 31. Jänner 2011, 16:12

Politologe Henner Fürtig hält die Angst des Westens vor einer möglichen Islamisierung Ägyptens für "maßlos übertrieben" und erwartet für heute einen "Tag der Entscheidung"

derStandard.at: Wie lang kann Hosni Mubarak noch an der Macht bleiben?

Fürtig: Dienstag ist ein ganz entscheidender Tag. Die Opposition inklusive der Muslimbrüder haben zu einem Generalstreik und einem großen Marsch auf den Präsidentenpalast aufgerufen. Wenn tatsächlich die erwarteten Millionen Menschen auf die Straße gehen, ist die letzte Gelegenheit für Mubarak gekommen, mit Anstand von seinem Amt zurückzutreten.

derStandard.at: Wenn er das nicht will? Welche Möglichkeiten hat er noch?

Fürtig: Die letzte Gelegenheit wäre eine entsprechende Übereinkunft mit dem Militär, das in den letzten Jahren zu ihm gehalten hat. Wir dürfen nicht vergessen: seit 1952 sind alle ägyptischen Präsidenten aus dem Militär gekommen. Mubarak selber war Luftwaffengeneral. Insofern ist die Verbindung sehr eng. Das Militär muss sich jetzt also entscheiden, wenn es sich nicht schon entschieden hat. Angesichts des bisherigen Verhaltens gehe ich aber nicht davon aus, dass am Dienstag in die Massen geschossen wird. Das Militär wird eher entsprechenden Druck auf Mubarak ausüben.

Im Gegensatz zu Militäroligarchien, die wir aus Südamerika vergangener Jahrzehte kennen, ist das ägyptische Militär ja keine politische aktive Kraft. Es wirkt im Hintergrund, hat aber eine enorme Wirtschaftsmacht. Aktuell wird die Armee sich wahrscheinlich als Retterin des Vaterlandes gerieren und eine Übergangsphase begleiten, die am Ende wieder zu einer Zivilregierung führt. Ich bin ziemlich sicher, dass es keine dauerhafte Militärregierung geben wird.

derStandard.at: Wen will das Militär an der Spitze dieser Regierung? Mohamed ElBaradei?

Fürtig: Das Grundproblem ist, dass sich innerhalb der zersplitterten, klein gehaltenen und enorm geschwächten Opposition bisher keine Integrationsfigur aufbauen konnte. Man muss abwarten, wie groß die Chancen von ElBaradei sind. Er genießt zwar im Westen einen exzellenten Ruf, ist Friedensnobelpreisträger, konnte sich aber in den Jahren seiner Abwesenheit keine Basis in Ägypten aufbauen. Viele Oppositionsgruppen sehen zwar den Vorteil, dass man in ihm ein Gesicht für die Opposition hätte. Man kennt ihn aber zu wenig und weiß nicht, wie man ihn einschätzen soll.

derStandard.at: Wie hoch schätzen Sie die Eskalationsgefahr für den Dienstag ein?

Fürtig: Die Gefahr ist natürlich da. Es wird entscheidend davon abhängen, wie sich das Militär verhält. Was Mubarak allerdings nicht machen kann, ist, den Schießbefehl zu geben, um dann festzustellen, dass die Einheiten seinem Befehl nicht mehr gehorchen. Das wäre für ihn das Debakel schlechthin.

derStandard.at: Wie gerechtfertigt ist die Angst der USA und Israels vor einer Islamisierung Ägyptens?

Fürtig: Ich glaube, das wird maßlos übertrieben. Die Muslimbruderschaft ist zwar die stärkste Oppositionskraft in Ägypten, muss aber als moderat bezeichnet werden. Sie hat offiziell der Gewalt zur Erreichung politischer Ziele abgeschworen. Die Bruderschaft ist zwar keine demokratische Kraft in sich, aber bereit, sich demokratischen Spielregeln zu beugen. Ich wage aber die Prognose, dass sie bei freien Wahlen keineswegs die absolute Mehrheit gewinnen wird.

Die Bruderschaft hat übrigens sehr geschickt verstanden, sich nicht gleich an die Spitze der Opposition zu stellen. Das hätte es der Regierung zu einfach gemacht, wieder mit der islamistischen Gefahr zu drohen und auch den Westen wieder ganz auf ihre Seite zu ziehen. Erst jetzt hat sie sich klar zur Opposition bekannt, um ihre Chancen nicht zu schmälern.

derStandard.at: Welchen Einfluss hat die USA auf die Geschehnisse?

Fürtig: Einen großen, davon kann man ausgehen. Die USA unterstützen das ägyptische Militär jährlich mit über einer Milliarde Dollar. Das ist eine enge Verbindung. Entsprechende Gespräche finden sicher statt. Und zwar im Sinne der Bewahrung der inneren ägyptischen Stabilität. Es könnte sein, dass die USA am Ende sagt, dass das nur ohne Mubarak möglich sein wird.

derStandard.at: Würden die USA Mubarak auch gegen die Bitte Israels fallen lassen, Mubarak zu unterstützen?

Fürtig: Israel fürchtet natürlich in allerersten Linie das Aufkommen islamistischer Kräfte. Das ist nachvollziehbar, aber Israel weiß auch genau, dass die Bruderschaft nicht mit Al Kaida zu vergleichen ist.

Die Frage ist, wie weit die Ereignisse, die ja in Tunesien ihren Ausgang genommen haben, auch noch auf andere Länder in Arabien auswirkt. Alle Autokratien im Nahen und Mittleren Osten stehen jetzt zur Disposition. Von Jemen über Jordanien bis nach Syrien: man muss sich hier auf einiges gefasst machen. (derStandard.at, 31.1.2011, Manuela Honsig-Erlenburg)


Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2
M. Thistlethwaite
01
Statt 2 Wochen nach dem Ereignis,

wie bei der tunesischen Räuberfamilie, sollte österreichischen Banken befohlen werden, schon jetzt alle Mubarak-Konten zu sperren. Das würde den weiteren Vorteil haben, Österreich einen hervorragenden Start mit einer wahrlich neuen Regierung zu ermöglichen.

Captain Future
05
Die Muslimbrueder sind dann quasi die OEVP Aegyptens.

... die Bruderschaft ist zwar keine demokratische Kraft in sich, aber bereit, sich demokratischen Spielregeln zu beugen...

peace & love
10
mit anstand ...

... und 50 mrd $$$ auf irgendwelchen konten.

erstaunlich, dass er theoretisch die macht hat, auf sein eigenes volk schiessen zu lassen. mittelalter lässt grüssen ...

froilein froilein
01
Der Titel sollte geändert werden:

GESTERN Tag der Entscheidung
"Letzte Gelegenheit für Mubarak, mit Anstand zurückzutreten"

mistvieh666
 
00

wenn mubarak "mit anstand zuruecktritt" ist er ein massenmoerder durch unterlassung. es gibt sowas wie verantwortungsethik:
http://de.wikipedia.org/wiki/Vera... tungsethik

Dark Angel
 
08
Super Interview!

Danke! Endlich eine ausgewogene Meinung. Tatsächlich ist die Demokratie-Bewegung in Ägypten für die restlichen arabischen Ditaturen, von Algerien über Syrien bis Saudi-Arabien eine viel größere Gefahr als für Israel. Bashar wird sich noch warm anziehen müssen und auch für Boutaflika wird es eng werden, wenn Ägypten eine Demokratie wird. Diese historische Chance muss der Westen einfach ergreifen und diesen Prozess ohne Wenn und Aber kompromisslos unterstützen!

joesixpack
10
Aktuelles Interview mit ElBaradei von Robert Fisk

http://tinyurl.com/4fvublo
Man of the moment? Of course Mohamed ElBaradei is. But man of the people, I have my doubts.
[...]
I ask him if he might consider a transitional presidency for himself -- I receive a traditional reply. "If there's a consensus by all people to do whatever they think I can do for them. . . I will do that."
[...]
"Now, as you can hear in the streets, people are not saying Mubarak should go, they are now saying he should be put on trial. If he wants to save his skin, he better leave."

joesixpack
32
Aktuelle US-Analyse zur Nachfolgerfrage

von Obstl. Chuck DeVore, einem Militärexperten und außenpolitischen Berater unter Reagan sowie Absolventen der American University in Kairo: Mubaraks Sohn als Nachfolger undenkbar. Abwehrchef Omar Suleiman hat ebenfalls kein gutes Omen, da die Militärdisziplin bröckelt. Bleibt die Moslembruderschaft unter der geistigen Führung von Scheich Qaradawi, der sich nach außen hin moderat gibt, dessen Kernthesen aber alles andere als moderat sind. Wenn er aus dem Exil in Qatar nach Ägypten zurückkehrt, könnte sich Ähnliches abspielen wie im Iran 1979. "Die MB ist in etwa in derselben Lage wie die Bolschewiki in Rußland 1917, die nach dem Stutz des Zaren nur 7 Monate brauchten, um mit Gewalt die Macht an sich zu reißen."

http://tinyurl.com/6x5nz5f

Der zweitbeste Finanzminister :-)))
12

Warum nicht gleich die Expertise vom Georg Bush einholen?

Die Ägypter wissen doch was im Iran los ist und das wollen sie sicher nicht.

Aux armes, citoyens
03

Tod allen Despoten dieser Welt!
Social revolution worldwide! NOW!

Ex-Muslim
00

Auch den sozialistischen? Anders als per Diktatur kann sich Sozialismus aber nicht durchsetzen, also Selbstmord begehen? ;-)

Was für alle anderen Ideologien ebenfalls gilt, die alleinige Oberhoheit über ein Land anstreben.

Aux armes, citoyens
00

Jegliche Form der Diktatur.

Blick Winkel
20
Mit Anstand zurücktreten???

Unglaubliche Massen setzen sich gerade in Bewegung und werden alles niederwalzen was sich ihnen in den Weg stellt. Der kann echt froh sein, wenn er den heutigen Tag überlebt.

TimToms Vanderbild
 
10
31.1.2011, 23:07

alles was mubarak jetzt unternimmt ist zu spät,
aber auch alles was eu und amerika jetzt unternehmen,USA müssen nicht nur in geheimdokumenten den ägypt.volk vermitteln,dass
es niemals tolerieren wird, dass das militär auf demonstranten schiesst,wenn das passieren würde,brennen in kürzester zeit d.amerik.fahnen und d. volk hat,hat (mit israel) einen neuen feind.
mubarak hätte schon längst wissen müssen,dass eine ausrufung seines sohnes als seinen neuen nachfolger keine sympathien weckt,aber wie man sieht leiden scheint´s alle arabischen potentaten an einen "angeborenen grössenwahn".hätte er einen zeitpunkt seines rücktrittes beizeiten angegeben,hätte man in der folge,verschiedenepolitische stömungen beobachten und beurteilen können.

belgma
 
17
31.1.2011, 21:19
mit anstand?

ich denke, DER zug ist abgefahren!

so go
01
31.1.2011, 20:29
hervorragende einschätzung der lage

meines wissens nach hat nachfolgendes "cable" den tumult ausgelöst. es handelt sich dabei ebenfalls um eine höchst professionelle bestandsaufnahme aus dem jahre 2007 (unmittelbar vor den wahlen):

darin wird beschrieben, wie sich der nächste präsident verhalten wird und das ist auch heute noch sehr aufschlussreich (sofern man den inhalt versteht).

http://213.251.145.96/cable/200... O1417.html

charly.be
23
31.1.2011, 20:15
welche Rolle spielt derzeit der US-Geheimdienst?

man weiss ja aus vergangenen Konflikten , dass der CIA bei derartigen Revolten (Asien , S-Amerika,Afrika...) mit aller Macht versucht , Dinge entscheidend zu lenken.
Würd mich interessieren , was da wirklich derzeit abgeht. Bei derartigen Aktivitäten kommt die Wahrheit erst Jahre/Jahrzehnte später ans Tageslicht.

Nukularist
11

Eine relativ geringe. Weil während die Bestätigung erst Jahre später kam, man wusste am Verlauf der Situation immer, dass die CIA ihre Hände im Spiel hat. Außerdem ist die Gefahr jetzt viel kleiner: Die Welt befindet sich nicht mehr im Kapitalismus vs. Kommunismus-Konflikt, das hat die Maßnahmen der CIA massiv entschärft.

--> Es hat bisher keine außergewöhnliche Gewalt gegeben. (Nur durch die Polizei, die immer so vorgegangen ist.) Das bedeutet im Prinzip, dass die CIA auf die Ereignisse auf den Straßen nicht mehr Einfluss hat, als in den Monaten davor.

Gusti Rentner
 
22
31.1.2011, 20:04
"Mit Anstand zurücktreten?"

Das konnte "Schwarz-Blau" in Ösitanien auch nicht...

so go
30
31.1.2011, 20:35
rudolf kirchschläger

war damals noch eine kollege von mubarak. hätte die spö ähnliche verbrechen begangen und wären diese ebenfalls von wikileaks nachgewiesen worden...

dann würde ich heute demonstrieren oder tot am ring liegen.

NONE
01
31.1.2011, 18:56

Mubarak hat Blut an seinen Händen. Die einzige Frage ist - wie viel Blut.

Er wird so oder so vor Gericht gestellt werden.

Ex Tempore!
09
31.1.2011, 17:53

"Letzte Gelegenheit für Mubarak, mit Anstand zurückzutreten" Aha, nicht schlecht, die mehr als 150 Toten fallen also dann noch unter "Anstand".

Vayav indrasca
30
31.1.2011, 19:39

woher wissen Sie, dass es 150 waren? haben Sie nachgezählt?

Majakowski
00
31.1.2011, 19:30

Hier geht es um "politischen Anstand", da sind 150 Tote nicht mal eine halbe erschlagene Gelse...

green voice
00
31.1.2011, 18:38
Fällt wohl unter die Kategorie "alles ist relativ"

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.