Grenzgänger mit Erfindungsgeist

31. Jänner 2011, 17:05
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Auch im Jubiläumsjahr beweist man sicheres Gespür für spannende Außenseiter - etwa beim Tribute für den Katalanen Agustí Villaronga

Das Filmfestival von Rotterdam ist schon lange keine Nischenveranstaltung mehr, sondern eine Institution, die Kino als eine veränderliche Größe präsentiert. In diesem Jahr wird das auf junges Weltkino fokussierende Festival bereits zum 40. Mal abgehalten - charakteristischerweise hat man auf Retrospektiven verzichtet, dafür das Festival mit "IFFR XL" auf 40 neue Orte ausgedehnt. Ob im Meeresmuseum, im Ro Theater oder im berühmten Hotel New York, ob Festivalposter, eine temporäre chinesische Taverne oder Martin Arnolds ekstatische Bearbeitung von Disney-Animationsfilmen: Überall stößt man auf Spuren des Kinos und seiner Begleitformen.

Der Hauptteil findet noch immer in dunklen Sälen statt, wo man seit jeher ein sicheres Gespür für spannende Filmemacher beweist, denen noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wurde: So jemand ist der Katalane Agustí Villaronga, den Rotterdam heuer mit einem Tribute würdigt; die Schauspielerin Marisa Paredes, die man aus Almodóvar-Filmen kennt, hat ihn vor einem Screening gleich einmal als den talentiertesten spanischen Regisseur der Gegenwart bezeichnet.

Sein 1987 entstandenes Debüt Tras el cristal (In a Glass Cage), in dem Paredes die Frau eines in einer eisernen Lunge steckenden Mannes spielt, gilt als "film maudit", und tatsächlich hat er nichts von seiner verstörenden Kraft eingebüßt. Unerbittlich zeigt er Kontinuitäten auf: Der bewegungsunfähige Kranke hat sich während der Nazi-Zeit grausam an mehreren Jungen vergangen. Einer von ihnen kommt nun als Pfleger zurück und stellt das Schreckensregime mit veränderten Rollen nach.

Auch in seinem neuen Film Pa negre (Black Bread) behandelt Villaronga das Nachwirken des Krieges, weniger pointiert, aber in einer ähnlich klassisch anmutenden expressiven Inszenierung. Aus der Perspektive eines Jungen, der die Lebenslügen seiner Familie aufzudecken beginnt, entfaltet der Film ein Panorama Spaniens nach dem Bürgerkrieg, in dem es keine klaren Fronten, sondern auf allen Seiten nur Schuldige gibt.

Bemerkenswert ist nicht nur, wie Pa negre heroische Erzählungen politischen Widerstands unterläuft, sondern dass er zugleich einen mythologischen Raum öffnet, der dem Jungen als Orientierung, als Wegweiser in die individuelle Freiheit dient; wie in Guillermo del Toros Pans Labyrinth wirkt hier im Magischen das Politische nach.

Auch der österreichische Künstler Edgar Honetschläger ist als Grenzgänger zwischen den Disziplinen in Rotterdam gut aufgehoben. Aun - The Beginning and the End of All Things, sein neuer Film, ist eine Auseinandersetzung mit dem ungebrochenen Fortschrittsglauben des Menschen, die sich in zahlreiche Subplots verzweigt, ohne auf erzählerischen Zusammenhalt zu achten.

Besessene Forscher

An Anfang steht ein von seinem Erfindungsgeist besessener Vater, der einen mit Wasser betriebenen Motor entwickelt, während sein Sohn namens Aun erste spirituelle Abenteuer durchlebt. Irgendwann tritt noch ein stummer Forscher namens Euklides hinzu, der ähnlich eifrig vorgeht und wiederum scheitert.

Honetschläger, der seit 20 Jahren in Japan lebt und den Film auch dort realisiert hat, ist ein Einverleibungskünstler. Wissenschaft, Religion und Alltagsphänomene fließen in seinen Film, der - darin ganz Science-Fiction - aus vorhandenen Bildern allegorische Zusammenhänge erschließt. Christian Fennesz hat dazu ein Sounddesign komponiert, dem Aun viel von seiner suggestiven Stimmung verdankt.

Am schönsten ist der insgesamt ein wenig überladene Film immer dann, wenn er sich auf einfache Bilder besinnt, die ungewöhnliche Bedeutungen tragen: ein Löschpapier, dessen Verfärbungen mit Tinte für ein gefährliches Selbstexperiment stehen, oder der Blick durchs Mikroskop auf das Spiel der Elementarteilchen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 1. Februar 2011)

  • Ein kleiner Junge deckt im Nachkriegsspanien allmählich die Lebenslügen 
seiner bäuerlichen Familie auf: Francesc Colomer als Andreu in "Pa 
negre" von Agustí Villaronga.
    foto: rotterdam filmvestival

    Ein kleiner Junge deckt im Nachkriegsspanien allmählich die Lebenslügen seiner bäuerlichen Familie auf: Francesc Colomer als Andreu in "Pa negre" von Agustí Villaronga.

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