"Warum hat Gott die braune Farbe geschaffen?"

31. Jänner 2011, 13:43
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Kopftücher sind so unterschiedlich wie ihre Trägerinnen. Eine 65jährige Tschetschenin erzählt, wie ihre Landsfrauen das Gebot der "Bedeckung" auslegen

Frau A., Jahrgang 1946, stammt aus Tschetschenien und lebt seit drei Jahren in Österreich. In einem Gespräch mit daStandard.at erzählt sie, warum Kopftuch nicht gleich Kopftuch ist, und wie arabische Seifenopern tschetschenische Kleidungsgewohnheiten beeinflussen.

daStandard.at: Tschetschenische Frauen tragen größtenteils ein Kopftuch - auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Bei manchen mutet das Kopftuch eher wie ein Haarband an, bei anderen wiederum ist das Haar vollständig bedeckt...

A.: Ja, es ist ganz unterschiedlich. Das Kopftuch ist für Tschetscheninnen sehr wichtig, auch wenn es nur noch ein "Restkopftuch" ist. Für manche ist das Kopftuch nur eine Haarbedeckung, mehr nicht. Aber so gut wie niemand verzichtet ganz darauf.

daStandard.at: Ist es eine Frage der Mode?

A.: Eine Frage der Mode, und eine Frage des Glaubens. Die Zeiten ändern sich. Als ich jung war, durfte eine Frau ihren Hals und ihren Nacken nicht zeigen, das galt als eine Schande. Heute sieht man das nicht mehr so streng.
Ich glaube, das Kopftuch ist ein Ausdruck unseres islamischen Glaubens, das ist es, was wir damit nach außen zeigen. Andererseits weiß ich, dass es auch islamische Länder gibt, wo die Frauen zwar den Islam ausüben, aber trotzdem kein Kopftuch tragen, in der Türkei ist das beispielsweise so. In anderen Ländern wiederum bedecken die Frauen mehr von ihrem Körper als wir. Zum Beispiel die arabischen Frauen. Ihre Art sich zu kleiden ist durch arabische Fernsehserien und Filme bekannt geworden, viele unserer Frauen machen es ihnen nach, wenn sie sich stärker verschleiern wollen oder müssen. Denn ist es auch wichtig, was die Männer sagen: Väter oder Brüder haben einen Einfluss darauf, wie die Frau das Kopftuch trägt. Und später dann ihr Ehemann. Das Wort des Ehemannes ist wichtiger als das des Bruders und des Vaters.

daStandard.at: Haben die tschetschenischen Frauen auch in der Sowjetunion Kopftuch getragen?

A.: Ja, das war auch in der Sowjetzeit so. Die alten Frauen haben sogar ihr Kinn bedeckt und teilweise ihre Wangen.

daStandard.at: Wie tragen Sie ihr Kopftuch am liebsten? Welche Farben bevorzugen Sie beim Kopftuch?

A.: Eigentlich sollte ich kleine Nadeln verwenden und den Stoff auch seitlich befestigen (zeigt vor). Aber dafür habe ich nicht die Nerven, das dauert mir zu lang. Ich hasse eigentlich braune Tücher, mein Leben lang habe ich mich gefragt, warum Gott die braune Farbe geschaffen hat? Ich mag auch keine bunten Tücher. Am liebsten sind mir einfärbige Kopftücher, in dunkelgrün oder violett.

daStandard.at: Wie ist das bei Tschetscheninnen, die in Österreich leben? Ändert sich etwas in ihrem Kleidungsstil?

A.: Die jungen Leute ziehen sich heutzutage anders an. Ich habe zum Beispiel zwei Töchter, die sogar Hosen tragen, das ist bei uns in Tschetschenien undenkbar. Es wäre in Tschetschenien sogar schlimmer, eine Hose anzuziehen, als kein Kopftuch zu tragen. Aber hier ist einfach alles anders. Obwohl ich dazu sagen muss, meine Töchter tragen über der Hose immer einen langen Pulli oder auch einen kurzen Rock. Viele junge Tschetscheninnen tragen heutzutage kurze Röcke mit Schlitz, zu meiner Zeit wäre niemand auf die Idee gekommen.

daStandard.at: Stört es Sie, dass Ihre Töchter Hosen tragen?

A.: Ach, die jungen Leute machen, was sie wollen, ich habe keinen Einfluss auf sie. Meine Tochter trägt gar kein Kopftuch, manchmal eine Haube, aber meistens nicht einmal das. Ich wäre froh, wenn sie einen Rock anziehen und ein Kopftuch tragen würde. Ich hätte meine Ruhe. So muss ich immer wieder mit anderen Tschetschenen deshalb streiten. Unsere Landsleute sehen das gar nicht gern, wenn eine Frau sich nicht so anzieht, wie es bei uns üblich ist, sie kommentieren das.

Meine Töchter sind aber nach wie vor praktizierende Musliminnen, nur zeigen sie das hier nicht durch ihre Kleidung. Meine Tochter sagt, es hat keinen Sinn, sich durch die Kleidung abzuheben, es ist schwerer, Menschen kennenzulernen und eine Arbeit zu finden, wenn du ein Kopftuch trägst. Sie sagt, man muss sich äußerlich anpassen, aber dabei nicht vergessen, wer man ist. (Mascha Dabić, 31. Jänner 2011, daStandard.at)

  • "Die Zeiten ändern sich. Als ich jung war, durfte eine Frau ihren Hals und ihren Nacken nicht zeigen, das galt als eine Schande."
    foto: mascha dabic

    "Die Zeiten ändern sich. Als ich jung war, durfte eine Frau ihren Hals und ihren Nacken nicht zeigen, das galt als eine Schande."

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