Chaos in Ägypten

Archäologen unterbrechen Grabungen

31. Jänner 2011, 12:53

Sicherheitsmaßnahmen aus Sorge um Plünderungen erhöht - Wachleute sollen in Kairos Museum geplündert haben

Berlin - Angesichts der Unruhen in Ägypten kommt die Arbeit der Archäologen im Land vorerst zum Stillstand. Insgesamt sechs MitarbeiterInnen des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) befinden sich im Moment in Ägypten, sagt Institutsdirektorin Sabine Ladstätter. "Wir stehen mit ihnen per Handy in permanentem Kontakt und den Kollegen geht es wirklich gut." Alles, was die Archäologen, die in der Nähe von Assuan graben, über die Lage in Ägypten wissen, wissen sie durch ihre Kollegen in Österreich: "Wir versorgen sie permanent mit den neuesten Nachrichten", so Ladstätter. In Assuan wurden die Grabungen natürlich unterbrochen wurden, obwohl es dort vergleichsweise ruhig sei, so Ladstätter. "Deshalb bleiben die Kollegen auch dort." Denn am Flughafen in Kairo, über den sie ausfliegen müssen, herrscht Chaos.

Auch das Deutsche Archäologische Institut (DAI) hat seine Grabungsarbeiten vorübergehend eingestellt. In Luxor und Assuan seien die Archäologen aus Deutschland zur Zeit nicht vor Ort, erklärte eine DAI-Sprecherin am Montag in Berlin. In der DAI-Niederlassung in Kairo seien die Sicherheitsmaßnahmen aus Sorge um Plünderungen erhöht worden, ein Mitarbeiter halte rund um die Uhr die Stellung. Für das DAI arbeiten in Kairo acht fest angestellte Mitarbeiter sowie zur Zeit rund 30 weitere Wissenschafter. Viele Experten aus Deutschland seien nun zum eigenen Schutz in Wohnungen zusammengezogen.

Plünderungen im archäologischen Museum

Am vergangenen Wochenende war es während der Unruhen zu Plünderungen und Beschädigungen von archäologischen Schätzen im ägyptischen Museums in Kairo gekommen. Die langjährige Direktorin des Museum, Wafaa el Saddik, hat das Wachpersonal und Polizisten dafür verantwortlich gemacht. "Das waren die Wächter des Museums, unsere eigenen Leute", sagte Saddik dem "Tagesspiegel" (Montagsausgabe). Einige der Polizisten hätten offenbar vorher ihre Jacken ausgezogen, "um nicht als Polizisten erkennbar zu sein". Eine zweite Gruppe der Täter sei von hinten über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen. Die Zerstörungen seien allesamt im ersten Stockwerk angerichtet worden, wo sich auch der berühmte Schatz des Tutanchamun befindet.

"Es sind sehr viele Figuren auf den Boden geworfen und zerstört worden, darunter auch Götterfiguren aus dem Schatz des Tutanchamun", sagte Saddik. Die Plünderer hätten mehrere pharaonische Schmuckstücke gestohlen. Auch der neue Anbau mit dem großen Andenkengeschäft, der erst im November eröffnet worden war, sei "total ausgeraubt", sagte Saddik, die von 2004 bis Ende 2010 Direktorin des Museums war.

Mumien schwer beschädigt

Auch zwei Mumien aus der Pharaonenzeit wurden bei einem versuchten Diebstahl schwer beschädigt. Gemeinsam mit Sicherheitskräften hätten Demonstranten die Diebe schließlich ergriffen, sagte der Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, Sahi Hawass, am Sonntag. Die Mumien seien zurück ins Museum gebracht worden, seien aber beschädigt. Was mit den Dieben geschah, war zunächst unklar.

Dutzende Bürger bildeten am Samstag eine Menschenkette um das Ägyptische Museum, das eine der berühmtesten und wertvollsten Antikensammlungen der Welt beherbergt, um Plünderungen zu verhindern. Angesichts der Plünderungen rief die Armee "das ägyptische Volk zum Schutz der Nation" auf. Die Armee marschiert seit Freitagabend in den großen Städten des Landes auf.

Am Sonntag konnten ägyptische Streitkräfte weitere Plünderungen verhindern.  Etwa 50 Männer hätten demnach versucht, ins Ägyptische Museum in Kairo einzubrechen. Die Streitkräfte erklärten am Montag, 35 Männer seien am Sonntag festgenommen worden, 15 weitere am Montag. Auf dem Dach des Gebäudes waren Scharfschützen postiert, andere Soldaten patrouillierten in der Umgebung. Die Soldaten erklärten, sie hätten Anweisungen erhalten, nicht zu schießen, sondern nur das Gebäude zu schützen.

Hawass wird Minister für Altertumsgüter

Zahi Hawass, der bisherige Leiter der Behörde für Antikenverwaltung, wurde unterdessen zum neuen Minister für Altertumsgüter ernannt. "Wenn das Museum sicher ist, ist Ägypten sicher", sagte er. (red/APA/dpa)


Zum Thema
Massenproteste in Ägypten auf der Standard.at/International

Kommentar posten
15 Postings
Polyacrylnitril
00
kataplektisch

Eine inästimable Katastrophe, Ägrimonie

thomas 2
24
die sollen alle froh sein das wichtige Kulturgüter in Europa lagern und nicht in so unsicheren 3.Welt Ländern

bestes Beispiel Nofretete Forderung vor 2 Wochen. Berlin ist viel sicherer als Kairo!

Um der Wahrheit die Ehre zu geben ...
11

Du meinst so sicher wie die Raubgüter, die in deutschen Museen während des 2. Weltkriegs unwiederbringlich verlorengegangen sind.

Wieviele Kriege hat Ägypten in den letzten 3000 Jahren begonnen ? Und wieviele Deutschland in den letzen 150 ?

Gendo
01
Bei 3000 wärs noch unschöner

AuAu. Das mit den mehr Kriegen begonnen würden die Ägypter auch auf die letzten 150 Jahre hin verlieren (wenn es allein um die Anzahl und nicht auf die Auswirkungen geht. Formal betrachtet hat Deutschland/Deutsches Reich nur einen Krieg (den 2.WK) begonnen), auch die Anzahl der Kriege an denen es beteiligt war (Poxeraufstand+Kollonialaufstände, 1WK,Afghanistan) ist verhältnismäßig gering.
Ägypten kommt auf heiße 3 begonnen Kriege(also auch Formal, 1947,1967, 1973) von 1945 an weg. (und bei 6 Tagekrieg war es nur etwas zu langsam).

thomas 2
00
Europa hat sich durch das das einmalige gewaltsame Ereignis zu einer stabilen Demokratie entwickelt

Ägypten hatte allein im 19.Jrhdt. viele Aufstände und Unruhen!

Oooommmmm
00
Einmalig ?

Von wann an zählen Sie ???

spacedakini
02

Kann sich schnell wieder ändern..reden wir in 50 oder 100 Jahren darüber....

Immerhin waren die Mumien und Kunstschätze tausende Jahre in Ägypten gut aufgehoben und herausgeholt aus Gräbern wurden sie erst, weil europäische Forscher sich dafür interessierten.

Sonst hätte sie auch in den letzten 100 Jahren niemand sehen können.

(13-1)te fee
00

die Gräber der Ägypter wurden schon zu der Zeit geplündert, zu der sie erbaut wurden. (da waren diejenigen, die auf heutigen deutschen und britischen Territorien lebten Jäger und Sammler oder erlernten grad mal eine Stufe der Sesshaftigkeit)

Viele dieser Grabmale wurden damals schon mit Fallen oder Scheingrabkammern ausgestattet, weil Grabräuber - und das sind wir auch, wenn wir die Dinge ins Museum stellen - abwehrt (nicht nur abgeschreckt) werden sollten.

Immerhin versauen wir den nach damaligen Ritus begrabenen ja ihre Existenz im Jenseits.

1.Kp / EW 74
 
12
31.1.2011, 20:44
Na, die Mumie auf dem Foto schaut wirklich einigermaßen deschperat drein.

- Mann, muß es da zugegangen sein...!

Hochachtung denen, die das Herz gehabt haben und das Museum beschützt haben.
Großartig !

Ob sich der neue Herr Minister auch in Zukunft an irgendwelchen Seilen turnend dem p.t. Puplikum präsentieren wird ?
Ich hoffe jedenfalls sehr drauf !

Rico Whatever
 
00
31.1.2011, 14:37
und zweitens ...

Ich kann mich nicht erinnern, dass Polizisten in Zivil bei uns jemals Mumien beschädigt hätten (weil unabsichtlich für Drogendealer gehalten).

Rico Whatever
 
01
31.1.2011, 14:35
Was für ein Zufall

"Die Mumien seien zurück ins Museum gebracht worden, seien aber beschädigt. Was mit den Dieben geschah, war zunächst unklar."

Ah so, die Mumie ist doch unbeschädigt, wo der Dieb jetzt auf einmal hingekommen wissen wir nicht :-)

Tethys
12
31.1.2011, 15:16

Fluch der Pharaonen? :-))

Kaktus51
20
31.1.2011, 13:40
Nur gut, dass Hatschepsut noch nicht zurück gegeben wurde.

Ich meine, damit sollte man noch zuwarten.

Tethys
06
31.1.2011, 13:43

Meinten Sie Nofretete?

Dr. Seltsam
 
10

Hatschepsut klingt einfach schöner.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.