Die letzten Rekruten

10. Februar 2011, 18:10
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Die Abschaffung der Wehrpflicht steht zur Diskussion - Die jungen Männer, die 1993 geboren wurden, könnten zu den letzten gehören, die zur Stellung müssen

In der Mitte steht ein großer Holzcontainer, darin befindet sich ein neues Röntgengerät, das auf die Installation wartet. Rundherum die einzelnen Untersuchungsräume. Junge Männer in T-Shirts und knallgrünen Turnhosen halten sich den Arm nach der Blutabnahme.

Es ist seit Jahrzehnten ein fixes Ritual. Wird man 17 Jahre alt, flattert die Stellungsaufforderung zum österreichischen Bundesheer ins Haus. Der Staat will wissen, ob seine jungen männlichen Bürger für den Heeres- oder Zivildienst geeignet sind. Tauglich oder untauglich, das steht am Ende einer eineinhalb Tage dauernden Untersuchung fest. Rund 45.000 Menschen müssen heuer zur Stellung.

Wehrpflicht oder Freiwilligenheer, noch ist die Zukunft des Bundesheers nicht entschieden. Die Untersuchungen könnten bald Geschichte sein. Geht es nach Norbert Darabos, der ab 2012 die Wehrpflicht aussetzen will, dann steht der letzte Jahrgang hier, es ist der des Jahres 1993.

11.000 Stellungspflichtige, 168 Termine

"Wir handeln nach bestehenden Gesetzen", sagt Major Peter Gruber von der Stellungskommission Wien zu derStandard.at. Allein in Wien finden in der Stellungskommission im zweiten Gemeindebezirk unbeirrt von der derzeitigen Debatte 168 Stellungen in diesem Jahr statt. Mit dabei sind hier auch die nordburgenländischen Bezirke. Rund 11.000 junge Männer werden jedes Jahr nach Wien zur Stellung aufgefordert. Sie werden physisch und psychisch auf ihre Eignung untersucht, medizinische Vorbefunde werden gesichtet, Tauglich- und Untauglichkeiten ausgestellt. Rund 15 Prozent kommt zunächst jedoch der Aufforderung nicht nach, ist verhindert, krank oder absäumig.

Österreichweit wurden im Vorjahr 13,2 Prozent für untauglich erklärt. Von den rund 11.000, die jedes Jahr in Wien gemustert werden, rücken 4.500 Personen pro Jahr zum Grundwehrdienst ein, der Rest bekommt einen Aufschub oder macht Zivildienst.

Zwischen Stellungsbescheid und Einberufung müssen sechs Monate liegen, eine Schutzfrist. Sollte die Wehrpflicht also tatsächlich mit Jahresende auslaufen, so sind jene junge Menschen, die 1993 geboren sind, und im ersten Halbjahr den Stellungsbescheid bekommen haben, die letzten, die zum Grundwehrdienst eingezogen werden könnten. 22.500 sind betroffen. Im Militärkommando und in der Zivildienstagentur rechnet man deswegen mit einer Fülle von Aufschubanträgen für das heurige Jahr.

"Das hat auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen"

Die Stellung ist einem fixen Procedere unterworfen. Nach einer Blutabnahme, einem Lungenröntgen und der Befundabgabe, wird die Gruppe der rund fünfzig Personen geteilt. Während die eine Hälfte einen psychologischen Test am Computer absolvieren muss, durchlaufen die Übrigen die medizinischen Teststationen.

Die Lungenkraft wird untersucht, der Körper vermessen, Hör- und Sehkraft getestet oder das Herz mittels EKG untersucht. Für viele junge Menschen ist die Stellung der erste umfassende medizinische Test nach den Mutter-Kind-Untersuchungen. Immer wieder werden so Erkrankungen festgestellt, die sonst unbemerkt verlaufen wären. "Das hat auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen", so Tuma. Werden Erkrankungen in jungen Jahren behandelt, reduzieren sich Folgekosten. Erst vor kurzem habe man so einen Herzfehler entdeckt, der, wenn in jungen Jahren bemerkt, operiert werden kann, erzählt Gruber.

"Was passiert mit den Zivildienst?"

Durchgeführt werden diese Untersuchungen von Rekruten und Ärzten. 18 Rekruten absolvieren ihren Heeresdienst in der Wiener Stellungskommission, 17 Personen sind fix als Berufssoldaten angestellt. Nach der Grundausbildung absolvieren die Rekruten eine vierzehntägige medizinische Basis-Ausbildung und werden dann an den einzelnen Stationen eingeschult.

Die Diskussion um die Wehrpflicht hat auf die Stellung keinen Einfluss. Lediglich als eine Zeitung vermeldete, dass die Stellung für einen Teil der Wiener Bezirke ausgesetzt werde, seien die Telefone in der Informationsstelle heiß gelaufen. "Das war aber eine klassische Zeitungsente", so der Sprecher des Militärkommandos.

Sollte Verteidigungsminister Norbert Darabos sich politisch durchsetzen, so wird die Wehrpflicht bald der Geschichte angehören. Doch wie sehen das diejenigen, die eventuell zu den Letzten gehören werden, die Heeres- bzw. Zivildienst machen müssen, so wie Benjamin beispielsweise. Er studiert neben der Schule Musik, und hofft durch einen Aufschub von einer Abschaffung der Wehrpflicht zu profitieren. Ansonsten würde er Zivildienst machen. Bei der aktuellen Debatte habe er sich jedoch gefragt: "Was passiert eigentlich mit dem Zivildienst?"

Diskussionsthema Wehrpflicht

Skeptisch zeigt sich Benjamin bei der Frage nach einem Freiwilligen Jahr, das den Zivildienst ersetzen soll. Wenn es besser bezahlt und kürzer ist könne er sich das eventuell vorstellen. Man merkt ihm an, so wirklich überzeugt ist er von dem Zivildienstersatz nicht.

"Nicht so tragisch", sieht die Diskussion hingegen Jan. "Ich hätte generell Zivildienst gemacht und würde auch das freiwillige Jahr machen", sagt er am Rande der Stellung. Das Thema Wehrpflicht wird jedoch im Freundeskreis durchaus diskutiert. Ein paar seiner Freunde machen gerade Zivildienst. "Die regen sich nun auf, dass sie den Zivildienst noch machen müssen."

In der Mitte des Wartesaals steht ein Raumteiler, die Schwerpunkte des Bundesheeres werden darauf beworben. Auf der Seite liegen Folder über die einzelnen Truppenteile auf. Das Bundesheer will attraktiv sein für künftige Rekruten. Doch hat die Stimmung etwas Ungewisses an sich. Den Soldaten merkt man an, es geht was um im Bundesheer. Die grundlegende Existenz eines Heeres in der heutigen Form steht zur Disposition. Davon könnte auch die kollektive Untersuchung betroffen sein. Kein Brief flattert dann ins Haus. Keine Untersuchungen finden mehr statt. Das neue Röntgengerät wird wohl an anderer Stelle Lungen durchleuchten. Der Jahrgang 1993 könnte der letzte sein. Vielleicht für immer. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 10.2.2010)

Link: Die Stellung auf der Seite des österreichischen Bundesheers

  • Rund 11.000 junge Männer durchlaufen in Wien jährlich die Stellung. Heuer das letzte Mal?
    foto: derstandard.at/pumberger

    Rund 11.000 junge Männer durchlaufen in Wien jährlich die Stellung. Heuer das letzte Mal?

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