Analyse

Die Mittelmeerunion versagt

Stefan Brändle aus Paris, 30. Jänner 2011, 20:47
  • Artikelbild
    foto: jacques brinon/ap/dapd

    Frauen mit den Flaggen von Palästina, Marokko, Algerien und Tunesien protestieren vor der ägyptischen Botschaft in Paris.

Die EU verfügt mit der Mittelmeerunion über einen direkten Draht nach Nordafrika - Doch die Europäer schaffen es wieder einmal nicht, gegenüber den Revolten in Tunesien und Ägypten mit einer Stimme zu sprechen

Deutschland, Frankreich und England haben den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak am Wochenende aufgefordert, gegen Demonstranten keine Gewalt einzusetzen und so schnell wie möglich einen friedlichen "Übergangsprozess" einzuleiten. Laut Diplomaten drängte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel darauf, dass zusätzlich die "rasche und vollständige" Umsetzung von Reformen verlangt wird; Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy forderte dafür einen Passus über die "ausgleichende Rolle" Mubaraks im Nahen Osten.

Die Abstimmungsprobleme der drei europäischen Schwergewichte machen im Nachhinein deutlich, warum sich die 27 EU-Mitglieder noch schwammiger geäußert haben: Die Brüsseler Chefdiplomatin Catherine Ashton rief am Donnerstag gerade einmal zur "Respektierung" der Bürgerrechte in Ägypten auf.

Wie schon im Irakkrieg erweist sich, dass die EU im Ernstfall fast unhörbar bleibt und von nationalen Stellungnahmen überlagert wird. Dabei wäre eine "europäische Stimme" wichtiger denn je, nachdem die USA schon die tunesische Revolution sehr aktiv verfolgt hatten. Europa ist direkter betroffen - durch Migrationsströme und Islamismus, in zweiter Linie auch Handel und Tourismus.

Aus diesem Grund hob die EU Mitte 2008 unter Führung Frankreichs auch die Mittelmeerunion (MMU) aus der Taufe. Wenn ihre Vermittlung jemals gefragt gewesen wäre, dann jetzt, wo es am ganzen Südrand des mediterranen Beckens gärt. Die MMU könnte eine Scharnierfunktion übernehmen, europäische Standpunkte einbringen, Kontakte herstellen und Strömungen kanalisieren helfen, ja einen regionalpolitischen Gesamtansatz herstellen.

Nichts von all dem passiert: Die Mittelmeerunion schweigt zu den Rebellionen, die mit Tunesien und Ägypten zwei ihrer Schlüsselländer erfasst haben. "Wir haben dazu keine Position" , sagte MMU-Sprecherin Lina Abu Rous zum Standard ohne Umschweife. Beim Gründungsakt in Paris hatte Sarkozy vor zweieinhalb Jahren noch von der Realisierung eines "Zivilisationstraumes" gesprochen: Der neue Mittelmeerverband werde Brücken schlagen und überall Fortschritt und Demokratie fördern.

Dann begannen schon die Probleme. Erst nach Monaten konnten sich die 43 Mittelmeeranrainer und EU-Staaten auf den Sitz in Barcelona und den Jordanier Ahmad Massadeh als Direktor einigen. Gipfeltreffen gab es nicht.

Am vergangenen Mittwoch ist Massadeh abrupt zurückgetreten. Offiziell geschah dies nicht wegen der Revolten. Die Malaise liegt tiefer. MMU-Mitarbeiter ließen durchblicken, der Nahostkonflikt lähme jede politische Demarche, und selbst Sachprojekte wie die Säuberung des Meeres oder die Förderung von Solaranlagen kämen mangels Finanzierung nicht vom Fleck.

Mit Sarkozys diplomatischem Prestigeprojekt ist auch die europäische Mittelmeerpolitik zum Scheitern verurteilt. Der französische Präsident hatte bezeichnenderweise auf den Tunesier Ben Ali und dessen ägyptischen Amtskollegen gesetzt, um den neuen "Club Méditerrané" zu konsolidieren; Mubarak ist mit Sarkozy sogar MMU-Kopräsident. Da kann das Schweigen der MMU nicht mehr erstaunen. (Stefan Brändle aus Paris, STANDARD-Printausgabe, 31.01.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 53
1 2
hamaca reservada
01

irgendwie kann ich mich dem herrn brändle da anschließen. den grauslichen verdacht, dass in wirklichkeit die monsterkrake der sogenannten sicherheitspolitik, die generellen zivilen defizite der eu, aber eben auch die populären xenophobismen und dem damit einhergehenden untergrunddasein jeder zivilen zusammenarbeit mit jenen ländern am beharrlichen schweigen schuld sind, hege ich auch.

dazu kommt das leise rieseln über meinen rücken, wenn ich denke, dass die rechtspopulisten in der eu weidlich mit den regimen des nahen ostens "zusammenarbeiten".

ich finde es daher sehr spannend, dass sich alle defizite der eu, nachgerade zwangsläufig in einer solchen lähmung kristallisieren.

Post-it 1
02
Warum muss Europa außenpolitisch unbedingt mit einer Stimme sprechen?

Das konnte mir noch niemand stichhaltig beantworten. Europa ist ein Wirtschaftraum, eine Friedensgemeinschaft, vielleicht im Kern ganz wenig eine Kulturgemeinschaft. Außenpolitsch mögen die EU Akteure tröten, was sie wollen und Frau Ashton in den Ruhestand versetzen. Spart viel Geld!

lagrangian
20

es würde noch mehr sparen, wenn nur frau ashton sprechen würde...

webinformationat
02

Ein Ansatz für die EU wäre es erstens die billigen, subventionierten Lebensmittel nicht nach Nordafrika zu liefern. Zweitens den Afrikakaner zu helfen, statt auszubeuten. Drittens den Atommüll nicht abzulagern. Viertens nicht korrupte Leute zu bezahlen, um eigene Interessen durchzusetzen......

J e d e r Mensch ist frei und gleich mit Würde und Rechten geboren, mit Vernunft begabt und soll sich im Geiste der Brüderlichkeit begegnen! Nicht nur die Vorstandvorstände der Banken und Mulitis.

TimToms Vanderbild
 
00
31.1.2011, 20:29

alle guten ratschläge sind zur zeit irrelevant,
die revolte ist nicht mehr aufzuhalten,
ausrufung freier wahlen,wäre eine kurzfristige beruhigung der chaotischen lage,ende der sinnlosen
plünderungen und zerstörungen,gleichzeitig das ende der regierung mubarak,das lässt sich nicht mehr ändern,also hoffen dass es nicht eine
gleiche entwicklung nimmt,wie nach dem sturz v.
schah im damaligen persien.

utt=c²uxx+f
10
31.1.2011, 16:23

wieso kämpfen die emanzipierten frauen auf dem foto nicht vor ort für ihre interessen?

hamaca reservada
01

die antwort liegt auf der hand, nicht?

Josef Obermaier
36
31.1.2011, 14:40
Es ist doch alles so einfach!

Man muss doch nur so lange protestieren und randalieren bis für alle 80 Millionen Ägyper Wohlstand herrscht. Ein paar Reformen und alle sind zufrieden und reich.

***

Auf die Idee dass Ägypten massiv überbevölkert ist kommt man ja nicht. Es wäre die einzige Legitimation für ein absolutistisches/diktatorisches Regime, eine Bevölkerungsregulierung zu betreiben. Siehe China.

Wenn aber Diktatoren sogar dazu zu feig/dumm/populistisch sind dann gute Nacht!

aqualung
21
31.1.2011, 16:52
arrogant, unnötig, oberflächlich, besserwisserisch

Wilhelm Guschlbauer
11
31.1.2011, 14:31
Die EU verfügt mit der Mittelmeerunion über einen direkten Draht nach Nordafrika -

Doch die Europäer schaffen es wieder einmal nicht, gegenüber den Revolten in Tunesien und Ägypten mit einer Stimme zu sprechen
Humbug! Das ist doch einer der hundert Schnapsideen von Sarkozy. Er hat keinen gefragt und ist auf eingene Faust drauf los. Das "Gipfeltreffen" 2008 in Paris hat fast eine Milliarde Euro gekostet. Die Israeli und Syrier *un restlichen Araber) zusammen zu bringen, haben andere und G'scheitre nicht zusammengebrahct. Auf Nicolas I. habens' g'wart!

angelvoices
01
31.1.2011, 14:27
Es ist vielleicht besser, dass sich die EU nicht einig

ist - es könnte eine falsche Entscheidung getroffen werden - am besten die Ägypter selbst suchen eine Lösung...meine Sorge ist nur, das Mahgreb von sharia regiert wird, was uns eine unermessliche Welle der Zuwanderungswilligen bescheren könnte...

Tonkun
10

"eine unermessliche Welle der Zuwanderungswilligen bescheren könnt" und spätestens jetzt sollte klar sein warum die Ägypter nicht allein eine Lösung suchen können (ganz abgesehen von wirtschaftlichen Interessen der EU an Ägypten und umgekehrt)

da 5er - bimmbimm!
00
31.1.2011, 13:29

wann haben die europaeer je zusammen etwas geschafft?

qwertz9
00
13.2.2011, 13:08

Euro
Schaffung eines Binnenraumes
Förderung von Grenzregionen
Ausgleich von Disparitäten
Friedenssicherung
Rettung verschuldeter Länder vor dem Bankrott
Rettung verschuldeter Banken vor dem Bankrott (letzteres hätte man isch schenken können, dann hätten die Ökonomen vielleicht mehr aus der Geschichte gelernt ...)
etc. etc.

ryuu
11
31.1.2011, 13:50

also bitte, wie sie sich die europäischen staaten gemeinsam für die wirtschaft bücken ist doch aller ehren wert.

cipf
 
03
31.1.2011, 13:15

Naja, nicht die erste Organisation die zum scheitern gegründet worden ist :-))
Und wahrscheinlich auch nicht die Letzte :-))

fischkopp
04
31.1.2011, 11:01

Ja, und ?

AntiFa201
32
31.1.2011, 10:59

"Die Brüsseler Chefdiplomatin Catherine Ashton rief am Donnerstag gerade einmal zur "Respektierung" der Bürgerrechte in Ägypten auf." gerade einmal?? na und wenn schon... bei israel ist der ton noch sanfter. also was solls.

ensan
11
31.1.2011, 10:27

die EU hat es bis dato (leider) noch immer nicht geschafft aussenpolitisch mit einer stimme zu sprechen. daher wird es zeit für eine gemeinsame wirtschafts - finanz - und aussenpolitik. was unsere österreichischen politiker aussenpolitisch von sich geben ist weltpolitisch höcht uninteressant. nur eine gemeinsame europäische stimme wird auch etwas bewirken können. gilt übrigens auch für ein eu-weites heer. ist nicht schön, wird aber sein müssen.

qwertz9
00
13.2.2011, 13:12

Ich hege keine großen Sympathiegefühle von zentral gelenkter Macht!
Weder die USA noch die EU noch sonst ein Staat auf der Welt sollte zu viel Macht haben!
Es sollten sich einfach alle auf ihre eigenen Interessen IM EIGENEN LAND konzentrieren!
Die ganzen Vorschriften von Weltbank und anderen westliche und ausbeuterische Interessen vertretenden Institutionen sollten verboten werden, allein wer könnte das tun?
Die Macht geht vom Volk aus (leider nicht immer)!
Aber zu viel Macht tut auch wieder keinem gut ... (auch keinem Volk!)

schanta
20
31.1.2011, 10:20
Innen und außen

Die Innenwelt ist die Außenwelt fragt sich nur wer an den Fäden der Marionetten zieht.Ich gehe davon aus dass nichts spontan geschieht. Es wird zugelassen kann aber partiell entgleiten. Einige wissen schon wie es weitergeht.

MARTIN FREUKES
 
01
31.1.2011, 10:08
Die Interessen eines jeden .......

In der EU gibt es viele verschiedene Interessen in den Ländern des Magreb. Seien Historisch ( Kolonie ) oder wirtschaftlicher Natur. So versucht jeder in erster Linie zu retten was zu retten ist. Das ist jetzt nur der Anfang und die EU kann sich jetzt nicht direkt Einmischen ( das hat man in der Vergangenheit schon zu oft getan ). Wo die grössere Gefahr ist das jetzt die FUNDIS aus Ihrem Exil in Europa zurück in diese Länder gehen und das politische Vacuum ausnützen um einen islamischen Staat einzuführen. Der parallelismus zu den Vorgängen im IRAN vor 30 Jahren ist verplüffend und macht wirklich Angst. Was Europa zu tun hat ist die Fundis welchen in Europa im Exil leben auf Hausarrest zu setzen bis ein stabile politische Lage im Magreb gibt

Anuntiata
51
31.1.2011, 09:27
Was die EU sagt ist mir wurscht,

was die Amis sagen ist mir wurscht, was Österreich sagt ist mir wurscht. Nehmen wir uns einfach mal nicht so wichtig!

Hauptsache das Ägyptische Volk emanzipiert sich von Innen heraus. Das ist der einzige nachhaltige und wahrscheinlich von Erfolg gekrönte Weg. Die brauchen keine Absonderungen wichtigtuerischer Napoleons und Gesichtsmuskel-gelähmter Bundeskanzlerinnen...

Mfg

aiuto
03
31.1.2011, 10:24
Liebe Anuntiata...

meinen Sie nicht, dass das eine sehr naive Ansicht ist, die mich fast an das Niveau der Kronenzeitung erinnert.
Betroffen werden wir nämlich alle sein, ob wir wollen oder nicht.

luquas
11
31.1.2011, 12:05
"Betroffen werden wir nämlich alle sein, ob wir wollen oder nicht."

Wieso?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 53
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.