Beliebte Armee, verhasste Polizei

30. Jänner 2011, 19:12
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In Ägypten ist die Polizei verhasst und das Militär geschätzt oder zumindest respektiert - Deshalb wurde dessen Eingreifen anfangs von manchen Demonstranten als Intervention zu ihren Gunsten interpretiert

Die ersten Militärfahrzeuge auf den ägyptischen Straßen wurden am Freitagabend von den "normalen" Demonstranten freudig begrüßt, während gleichzeitig gegen die Sicherheitskräfte des Innenministeriums die Steine flogen. In dieser Hinsicht ist Ägypten nicht anders als die anderen arabischen Staaten: Die Polizei als direktes Instrument eines repressiven Staates ist verhasst, die Armee, die für die äußere Sicherheit sorgt, als "patriotisch" beliebt oder zumindest respektiert. Manche Aktivisten zeigten sich überzeugt, dass die Soldaten verweigern würden, auf ihre Landsleute zu schießen.

Diese Sicht hält natürlich den historischen Tatsachen nicht ganz stand: 1977, bei den Brotunruhen, griff die Armee gegen die Demonstranten ein - was jedoch die bürgerlicheren Ägypter nicht gestört haben dürfte. 1986 schlug sie Proteste innerhalb der Polizei nieder, die mehr Gehalt gefordert hatte. Jeder weiß, dass zwischen Polizei und Armee keine große Liebe herrscht.

Allgemein wurde den Sicherheitskräften des Innenministeriums vorgeworfen, der Situation nicht gewachsen zu sein - tatsächlich häufen sich jetzt Berichte, dass gerade Polizisten nicht mehr auf der Seite der Staatsmacht mitmachen möchten. Drei Tage nach seinem Eingreifen sieht man jedoch, dass das Militär Polizeiaufgaben nur beschränkt wahrnimmt, jedenfalls nicht den Schutz des Bürgers vor Plünderung und Vandalismus. Sonst wären keine Bürgerwehren nötig. Die Polizei ist verschwunden. Der zeitweise Zusammenbruch der Sicherheit wird viele Sympathisanten der Revolte ernüchtern.

Unzweifelhaft ist das Militär in der Republik Ägypten historisch die einflussreichste politische Kraft: Die Revolution 1953 ging von ihm aus, und alle Präsidenten Ägyptens kamen aus diesem Dunstkreis. Laut von Wikileaks veröffentlichten Depeschen meinen jedoch US-Diplomaten, dass das Militär nicht mehr so stark wie früher dasteht. Die zivilen Kräfte in der Regimepartei NDP sind stärker geworden.

Gamal ist out

Ein klarer Hinweis darauf war, dass ein smarter Businessman wie Gamal Mubarak, dem die Welt des Militärs völlig fremd ist - und er ihr -, von einem Sektor der NDP als Nachfolger seines Vaters ins Spiel gebracht wurde. Aber das Thema Gamal hat sich jetzt wohl endgültig erledigt. Alle Personen, die jetzt in die erste Reihe geschoben wurden - Vizepräsident Omar Suleiman, Premier Ahmed Shafiq -, sind dem Militär zuzuordnen.

Ägypten hat - nicht zuletzt aufgrund der US-Militärhilfe von jährlich 1, 3 Milliarden US-Dollar (siehe Artikel rechts) - mit an die 470.000 Mann noch immer die größte Militärmacht des Nahen Ostens, die weltweit größenmäßig an zehnter Stelle rangiert. Aber rein zahlenmäßig sind die Kräfte des ägyptischen Innenministeriums - natürlich nicht alle in Uniform - erheblich stärker: Sie kommen auf etwa 1,4 Millionen Personen, allen voran die gefürchteten paramilitärischen Zentralen Sicherheitskräfte, die man in den ersten Tagen auf der Straße sah. (Gudrun Harrer, STANDARD-Printausgabe, 31.01.2011)

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    Freudenkundgebungen auf einem Panzer in Kairo

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    Am Flughafen der ägyptischen Hauptstadt übernachteten Ausreisewillige

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