Religiöse Empfindungen versus Freiheit der Kunst

30. Jänner 2011, 18:14
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STANDARD-Diskussion mit Feridun Zaimoglu

Wien - Darf sich zeitgenössische Kunst über die moralischen Vorstellungen religiöser Menschen (im Islam) hinwegsetzen? Diese Fragestellung hat in einer vom Standard und Kunsthalle Wien veranstalteten Diskussion am Freitag im project space als Erstes zur Erkenntnis geführt, dass definitorisch ausgeleierte Begriffe wie "religiös" oder "Islam" oder "Bild" in einer vorwiegend politisch und emotional besetzten Debatte erst präzisiert werden müssen, um dieser zum Gelingen zu verhelfen.

Im Fall des Islam sei es die ständige "Politisierung der Religion", die einer sachlichen Auseinandersetzung im Weg stünde, so Philosoph Almir Ibriæ. Die Kunstbetrachtung im Islam, so sein wissenschaftlicher Standpunkt, ziele auf die Aufrechterhaltung der vom Schöpfer vorgesehenen Harmonie ab. In diesem islamischen Kontext sei eine nackte weibliche Skulptur mit Kopftuch, so wie sie beispielsweise der deutsche Bildhauer Olaf Metzel vor drei Jahren am project space aufgestellt hat, eine "Disharmonie". Die Skulptur fiel damals - kaum überraschend - Vandalismusakten zum Opfer.

Es gäbe nun einmal Menschen, die ihre religiösen Empfindungen vor die Freiheit der Kunst stellten, räumte gar Kunsthalle-Chef Gerald Matt ein. Künstler Metzel, selbst ein Podiumsgast, meinte, er wollte mit der Skulptur die Schönheit türkischer Frauen zeigen. Zugleich prangerte er die Heuchelei des Westens an, der selbst mit der Trennung von Religion und Staat seine Probleme habe.

Heuchelei war in der Diskussion, die Standard-Kulturressortleiterin Andrea Schurian leitete, ein häufig verwendeter Begriff. Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der 2005 die Fassade der Kunsthalle mit türkischen Fahnen schmückte (KanakAttack), wies anlässlich der aktuellen Ereignisse in Ägypten darauf hin, dass das herrschende "Demokratiedefizit" von Amerika selbst mitaufgebaut worden sei. Zudem griffen die in solchen Diskussionen oft und schnell aufgestellten Oppositionen immer zu kurz: "Aufklärer gegen Muselmane - das ist zu einfach!". Einen vehementen Denkfehler sieht Zaimoglu ebenfalls in der vom Westen bereitwillig angestrengten Ideologisierung der Religion.

Die in Wien lehrende Architektin Golmar Kempinger-Khatibi gab - apropos Heuchelei, Bilderverbot und Mohammed-Karikaturen - zu bedenken, dass selbst am Bazar mit Wackelbildern des Propheten gehandelt würde. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 1. 2011)

  • Feridun Zaimoglu, Golmar Kempinger-Khatibi, Almir Ibric, Olaf Metzel und
 Andrea Schurian (v. li.) diskutieren in der Kunsthalle am Karlsplatz.
    foto: newald

    Feridun Zaimoglu, Golmar Kempinger-Khatibi, Almir Ibric, Olaf Metzel und Andrea Schurian (v. li.) diskutieren in der Kunsthalle am Karlsplatz.

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