Dauerpathos und Zurückhaltung

30. Jänner 2011, 17:28
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Simon Rattle, Anne-Sophie Mutter und Jewgenij Kissin: Wechselvoller Reigen großer Namen

Wien - Wie überall führen auch in der Klassikwelt Sein und Schein mitunter voneinander unabhängige Parallelexistenzen. Die Karriere der Träger manch großer Namen kann dann zum Selbstläufer mutieren. Publikumsgunst und Markterfolg stellen sich dabei so oder so ein - gleich, was da künstlerisch gerade geliefert wird. Der enorme Druck, unter dem die Stars stehen, sich immer wieder beweisen zu müssen, könnte bei dem einen oder der anderen zuweilen dadurch gemildert werden, dass der Zuspruch schon im Vorhinein als gesichert erscheint.

Im Musikverein vermittelte der Jubel, mit dem Simon Rattle und Anne-Sophie Mutter bereits empfangen wurden, jedenfalls diesen Eindruck. Wie sie sich Dvořáks Violinkonzert annäherten, rechtfertigte allerdings die Begeisterung kaum. Denn dies geschah, um es gelinde auszudrücken, ziemlich unidiomatisch.

Statt musikantischer Frische gab es Hochglanzpolitur, statt böhmischer Bodenhaftung lief's dahin wie ein steriles Uhrwerk, das hinsichtlich der Interaktion von Orchester und Solistin freilich gar nicht einmal so perfekt ineinander griff. Mutter ist offenbar eine Art Dauerpathos zur zweiten Natur geworden, dessen Routine nur noch Ausdrucksklischees zu umfassen scheint. Und auch die Art, wie Rattle Schumanns Zweite anlegte, gehörte zum Business as usual: Das geisterhafte Scherzo beispielsweise wurde zur effekthaschenden Zirkusnummer, das Adagio zu einem gefühlsseligen und breiten Klangbad. Dabei ließen die Berliner Philharmoniker sehr wohl ihre außerordentlichen Qualitäten hören, etwa - bei Faurés Pelléas et Mélisande-Suite - die Fähigkeit der Streicher, zu einem weichen, homogenen, doch völlig klaren Ganzen zu verschmelzen.

Beim Klavierabend von Jewgenij Kissin war schon die Atmosphäre im Goldenen Saal eine ganz andere - obwohl auch da Vorschusslorbeeren in Gestalt einer vor dem Konzert auf den Flügel gelegten Rose sprossen.

Das reine Franz-Liszt-Programm war dann aber eine anspruchsvolle Sache, nicht nur wegen der geforderten Fingerfertigkeiten, sondern vor allem auch hinsichtlich geistiger Präsenz. Denn Kissin stellte etwa die feingliedrige Ricordanza-Etüde neben die gewichtige h-Moll-Sonate oder das herbe Vallée d'Obermann gegen so leichtgewichtige Stücke wie Venezia e Napoli. Doch selbst diesen trieb der hochkonzentrierte Pianist jeden Anschein von Seichtheit aus.

Er ist nämlich unter anderem auch darin ein Meister, Emotionen durch alle Distanzierung hindurch schimmern zu lassen und alle im Übermaß vorhandene Brillanz dem musikalischen Sinn unterzuordnen. Stets mehr Sein also, als zum Vorschein kommt - ein rarer Fall der Fähigkeit zur Zurücknahme mitten im Rampenlicht. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 1. 2011)

  • Durchschimmernde Emotionen: Jewgenij Kissin.
    foto: rock

    Durchschimmernde Emotionen: Jewgenij Kissin.

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