Robben ging Müller an den Kragen

30. Jänner 2011, 17:03
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Niederländer fühlte sich durch Gesten provoziert, Bayern-Kapitän Lahm nimmt ihn in Schutz - Aufregung um Schulabbruch von Schalke-Talent

Bremen/Gelsenkirchen - Der FC Bayern München pflegt weiter seine eigenartige Streitkultur. Nach dem Führungspersonal gerieten nun auch die Spieler aneinander - und das trotz einer erfolgreichen Aufholjagd zum 3:1 bei Werder Bremen und dem Vorrücken auf einen Champions-League-Platz. Arjen Robben debattierte zunächst in der Pause heftig mit Bastian Schweinsteiger, später geriet er dann mit Thomas Müller aneinander, nach dem Abpfiff sogar handgreiflich.

Die meisten Zuschauer und die TV-Kameras hatten es kaum mitbekommen: Die anderen Bayern feierten verhalten den dritten Auswärtserfolg der Saison, als Robben und Müller ihren Disput nach dem Abpfiff fortsetzten. Der Niederländer ging auf den Deutschen los. Müller hielt sich mit aufgerissenem Mund den Hals - Anatoli Timoschtschuk musste schlichten. Harmonie sieht anders aus.

Auslöser waren offensichtlich Robbens eigensinnige Spielweise und ein schlecht geschossener Freistoß, den der deutsche Nationalspieler mit einer abwertenden Handbewegung kommentiert hatte. "Das Reden auf dem Platz ist immer gut, aber man sollte nicht mit den Händen reden", kritisierte Robben den gestikulierenden Müller. Er selbst hatte seinen Mitspieler allerdings mit einer unmissverständlichen Geste zum Schweigen aufgefordert, ehe der Disput nach Abpfiff weiter eskalierte.

"In Holland ist es üblich, dass wir miteinander streiten und sagen, was wir zu sagen haben. Das ist eine andere Kultur in Deutschland", erklärte der Niederländer.Die Handgreiflichkeit Robbens meinte er damit wohl kaum, denn ihm ging es wie vielen im Stadion: "Ich habe das nicht gesehen." Grundsätzlich schätze er es aber, wenn die Spieler diskutierten.

Bayern Kapitän Philipp Lahm nahm den niederländischen Fußball-Nationalspieler in Schutz am Montag in Schutz. "Nein", Robben sei nicht egoistisch, sondern "ein sehr guter Individualist. Seine Dribblings und Schüsse gehören zu seinem Spiel", sagte Lahm in einem "Kicker"-Interview (Montag). Schlichten müsse er zwischen den beiden Streithähnen nicht: "Das haben die beiden schon gemacht und alles geklärt." "Für mich ist die Sache erledigt" bestätigte Thomas Müller gegenüber der "Bild"-Zeitung.

Franz Beckenbauer sah den Disput zwischen den beiden Offensivspielern "nicht als Streitkultur". "Das ist für mich Spielbeteiligung. Sie wollen! Jeder will den Ball haben und das ist ein gutes Zeichen", meinte die Bayern-Legende gegenüber "Sport1". Über die Aussage von Trainer Louis van Gaal, dass man in den Niederlanden im Gegensatz zu Deutschland eine solche Streitkultur kenne, meinte Beckenbauer: "Als ich noch gespielt habe, war es gang und gäbe, dass man gestritten hat. Das ist eigentlich ganz normal und gehört zum Fußball dazu."

Das meinungsfreudige Klima der Bayern bereichert die Bundesliga also weiter, nachdem zuletzt die verbalen Auseinandersetzungen Van Gaals im Mittelpunkt gestanden haben - mit Aufsichtsrats-Chef Uli Hoeneß, mit Sportdirektor Christian Nerlinger und am Tag vor dem Spiel mit den langjährigen Bayern-Profis Mehmet Scholl und Oliver Kahn. Deren Kritik bezeichnete der Coach als "Papageien-Geplapper".

"Unverantwortlich"

Ein weiterer Aufreger am Sonntag war der Schulabbruch von Jungprofi Julian Draxler. Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) kritisierte Schalke 04 und Trainer Felix Magath für ihren Umgang mit dem Talent. "Es ist unverantwortlich, dass ein Klub von einem 17-Jährigen verlangt, das Abitur sausen zu lassen", sagte VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky dem Nachrichtenmagazin "Focus".

"Talente hat es viele gegeben, ein Tritt im Training und die Karriere war vorbei." Laut Spielergewerkschaft habe nur jeder Zehnte aller deutschen Profis nach der sportlichen Karriere finanziell ausgesorgt. "Schulische und berufliche Ausbildung haben Priorität und müssen von den Vereinen neben dem Fußball gewährleistet sein", betonte Baranowsky. Fußballer, die erst mit 30 Jahren die Zweitkarriere vorantrieben, hätten auf dem Arbeitsmarkt heute kaum Chancen. Ähnliche Bedenken hatte zuvor u.a. auch Matthias Sammer geäußert.

"Ich finde es extrem schade, dass er die Schule abgebrochen hat. Denn eine Karriere kann morgen wegen einer Verletzung vorbei sein", sagte der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Magath hatte nach dem Cup-Erfolg gegen Nürnberg am vergangenen Dienstag erklärt, dass er dem Siegtorschützen im Vorjahr geraten habe, das Gymnasium abzubrechen, um sich ganz auf seine Fußball-Karriere zu konzentrieren. Davon habe er auch Draxlers Eltern überzeugt. "In 15 bis 20 Jahren braucht er kein Abitur mehr", weil er "in den Top-Ligen" spielen werde, lautete Magaths Begründung. Der Schüler hatte zum Jahresende die Schule abgebrochen. Eigentlich hatte er vor, 2013 seine Matura zu machen. (APA/dpa/red)

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    Arjen Robben hat sich in der Auseinandersetzung mit Thomas Müller nicht im Griff.

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