Jubel bei Rückkehr nach 20 Jahren Exil

30. Jänner 2011, 19:28
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Bei der Rückkehr aus dem Exil wurde der tunesische Islamistenführer Rachid Ghannouchi am Sonntag in Tunis von seinen Anhängern begeistert empfangen - Am moderaten Kurs seiner Partei gibt es Zweifel

Mehr als tausend Tunesier empfingen am Sonntag den Führer der tunesischen Islamistenorganisation Ennahda (Erneuerung), Rachid Ghannouchi, als er zur Mittagszeit aus seinem Londoner Exil kommend auf dem Flughafen in Tunis landete. Hinter dem 69-jährigen Geistlichen und Philosophie-Professor liegen mehr als 20 Jahre Exil. Vor ihm liegt die schwierige Aufgabe, seine Partei in das demokratische Tunesien einzubinden.

"Wir werden an den Parlamentswahlen teilnehmen", erklärte Ghannouchi, der unter dem gestürzten Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali in Abwesenheit zu lebenslanger Haft wegen Verschwörung und Aufstand gegen den Staat verurteilt worden war, vor seinem Abflug in London. Zu den Präsidentenwahlen, die spätestens in sechs Monaten stattfinden sollen, werde Ennahda allerdings nicht antreten. Und er selbst werde künftig auch den Parteivorsitz jemandem anderen überlassen: "Wir haben jüngere und besser vorbereitete Mitglieder."

In seinem Einfamilienhaus in einem Londoner Vorort hatte Ghannouchi all die Jahre die Presse und Vertreter islamistischer Organisationen anderer Länder empfangen. Seine Ennahda und seine Bücher gelten in der islamischen Welt als Vorbild für einen gemäßigten Islamismus. Die Partei entstand 1981 unter dem Einfluss der Muslimbrüder aus Ägypten, entwickelte sich aber nach und nach zu einer Organisation, die sich als "etwas konservativer als die in der Türkei regierende AKP von Recep Tayyip Erdogan" definiert.

Unter Ghannouchi, der trotz Namensgleichheit nicht mit dem tunesischen Premier Mohammed Ghannouchi verwandt ist, setzte Ennahda immer auf einen demokratischen Wandel in Tunesien. Von Gewalt wie im benachbarten Algerien wollte die Organisation auch nach ihrem Verbot durch Ben Ali 1989, nachdem sie bei den Wahlen offiziell 17 Prozent der Stimmen erzielt hatte, und obwohl tausende Mitglieder unter Ben Ali zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden. 2005 unterzeichnete Ennahda gar eine gemeinsame Oppositionsplattform mit den linken Parteien Tunesiens.

Keiner weiß, wie stark Ennahda heute noch ist. Seit dem Sturz Ben Alis wird die Partei, die Antrag auf Wiederzulassung gestellt hat, nur langsam wieder sichtbar. Strukturen hat sie so gut wie keine. Generalsekretär Hamadi Jabali ist einer der jungen Leute, auf die Ghannouchi setzt. Das Büro des Journalisten, der wegen seiner politischen Haltung 16 Jahre im Gefängnis saß, ist sein Auto, Telefonzentrale sind die vier Handys im Handschuhfach. Er setzt auf den "freien Dialog mit allen demokratischen Kräften".

Jabali verspricht, weder das islamische Recht einführen zu wollen noch auf eine islamische Verfassung zu setzen. Wie das künftige Tunesien aussehe "wird allein die freie Entscheidung des Volkes sein". Islamismus-Angst sei eine "Psychose" in Europa, die "die Diktatoren ausnutzen, um mithilfe Europas an der Macht zu bleiben".

Längst nicht alle trauen den moderaten Worten der Ennahda-Vertreter. So hat der tunesische Politikwissenschafter Hamadi Redissi vor wenigen Tagen eine Vereinigung gegründet, die für die vollständige Trennung von Staat und Religion in der künftigen Verfassung eintritt.

Der Schwager Ben Alis, Belhassen Trabelsi, hat unterdessen in Kanada Asyl beantragt. Damit könnte sich die Auslieferung des Milliardärs und Bruders von Ben Alis Frau Leila nach Tunesien um Jahre verzögern. (Reiner Wandler, STANDARD-Printausgabe, 31.01.2011)

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    Islamistenführer Rachid Ghannouchi konnte sich seiner Fans kaum erwehren

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