Wie man kommuniziert, wenn die Regierung das Internet abdreht

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    foto: al-jazeera

Ägyptische AktivistInnen tricksen Blockade aus - Aufbau von Community-Netzwerken geplant

Dass sich das Internet - und soziale Netzwerke im speziellen - bestens zur Organisation von Protesten sowie zur unabhängigen Berichterstattung eignen, haben nicht nur AktivistInnen weltweit erkannt, auch die von aktuellen Aufständen betroffenen Regierungen sind sich durchaus dieses subversiven Potentials bewusst - und suchen es tunlichst zu unterdrücken. Dabei greifen die MachthaberInnen zu immer drastischeren Mitteln. Während man etwa im Iran oder zuletzt auch in Tunesien noch auf gezielte Sperren setzte, um die Kommunikation der DemonstrantInnen zu behindern, versucht man sich in Ägypten gleich an einer vollständigen Blockade des Internets.

Hintergrund

So verschwand denn in der Nacht von Donnerstag auf Freitag nach und nach der Großteil der ägyptischen Netzwerke aus dem globalen Internet-Zusammenhang, bis Freitag abend waren denn auch von außen bereits 93 Prozent aller ägyptischen Webseiten nicht mehr erreichbar, wie das Wall Street Journal berichtet. Wesentlich wichtiger aber wohl die Wirkung nach innen, immerhin wurden alle vier großen ägyptischen Internetanbieter vollständig lahmgelegt, womit nicht nur der Zugriff auf internationale Webseiten sondern auch die interne Kommunikation der DemonstrantInnen unterbunden werden soll.

Low-Tech

ExpertInnen halten es übrigens für relativ unwahrscheinlich, dass dafür irgendwelche speziellen technischen Lösungen zum Einsatz gekommen sind, wie etwa eine Art zentraler "Kill Switch", über den im Netz gerne mal spekuliert wird. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Regierung schlicht bei den Providern angerufen hat, und die Abschaltung angeordnet hat. Dafür spricht auch, dass die einzelnen Anbieter in einem gewissen zeitlichen Abstand offline gegangen sind.

Lücken

Doch auch wenn eine vollständige Blockade des Internets in der Planung so mancher Regierung noch ganz einfach aussehen mag, ist sie in der Realität gar nicht so einfach umzusetzen. So zeigen sich derzeit auch ägyptische AktivistInnen äußerst kreativ in der Umschiffung der Sperre - beziehungsweise beim Finden neuer Organisationsformen. So bekommen gerade ältere Technologien wie CB-Funk eine steigende Bedeutung, um unter einander zu kommunizieren. Dokumente lassen sich per Fax austauschen - immerhin ist das Festnetz in Ägypten weiterhin uneingeschränkt aktiv.

Internet

Selbst für den Zugriff auf das Internet lassen sich Lösungen finden. Eine davon ist die Kommunikation per Satellit, sind solche Internet-Zugänge doch von staatlichen Blockaden zunächst mal unberührt. Auch der Rückgriff auf längst veraltete geglaubte Technologien scheint erfolgsversprechend, so haben AktivistInnen in Ägypten damit begonnen sich per Modem bei ausländischen Anbietern ins Internet einzuwählen - eine durchaus kostspielige aber effektive Methode.

Mobil

AktivistInnen auf der Straße nutzen zudem die Möglichkeit aktuelle Twitter-Updates als SMS zu empfangen und abzusenden - zumindest in jenen Gegenden, wo das Mobilnetz derzeit nicht abgeschaltet ist. Doch auch wenn dies der Fall ist, finden AktivistInnen Wege zur Kommunikation, so wird derzeit in Ägypten - wie auch schon im Iran zuvor - Bluetooth genutzt, um direkt untereinander zu kommunizieren.

Die große Ausnahme

Nicht vergessen werden darf zudem, dass die ägyptische Netzblockade bislang ohnehin keineswegs vollständig ist. Denn während die vier großen Anbieter den Datenverkehr eingestellt haben, funktioniert der kleinere Provider Noor Group zur Zeit noch uneingeschränkt weiter. Über die Gründe für diesen Umstand lässt sich derzeit nur spekulieren, ein Erklärungsansatz ist, dass über diesen Anbieter ein Teil der ägyptischen Börse gehostet wird, die man nicht so ohne weiteres offline nehmen will oder kann. Die wenigen AktivistInnen, die einen entsprechenden Zugang von Noor haben, versuchen diesen unterdessen mit äußerster Vorsicht zu nutzen, wie man auch beim Anonymisierungs-Netzwerks Tor zu spüren bekommen hat. Hier ist der Traffic in den letzten Tagen dermaßen rasant angestiegen, dass man beim dahinter stehenden Projekt zunächst an einen Angriff glaubte. Derzeit ist der Gesamt-Traffic bei Tor noch immer viermal so groß wie üblich.

Mesh

Unterdessen denken AktivistInnen auch über langfristige Perspektiven nach. Eine davon ist der Aufbau von Mesh-Netzen, kommen diese doch ganz ohne zentrale Infrastruktur aus. Solch "vermaschte Netzwerke" werden heute schon für freie Funknetze zum Einsatz gebracht, die Daten suchen sich dabei selbst den Weg über die einzelnen Knotenpunkte. Mesh-Netzwerke sind entsprechend recht ausfallsicher, ist ein Knotenpunkt weg, wird einfach eine andere Route gewählt. Zudem kann ein solches Community-Netzwerk eben nicht einfach zentral abgeschaltet werden. (apo, derStandard.at, 30.01.11)

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