"Freiheit gibt es nicht umsonst"

28. Jänner 2011, 18:14
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Die Wut der Demonstranten in Ägypten richtete sich am Freitagabend gegen öffentliche Gebäude - Auch der Aufmarsch der Armee konnte sie nicht stoppen

So formulierten es die ägyptischen Behörden, als sie nach einem Tag der Proteste gegen das Regime von Hosni Mubarak den Ausnahmezustand verhängten. Über den aus Wien zurückgekehrten Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei wurde der Hausarrest verhängt.

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Als sich auch am späten Nachmittag die Demonstranten nicht von knüppelnden Polizisten, Wasserwerfern und Tränengas vertreiben hatten lassen, rief das Regime nach dem Militär. Militärfahrzeuge und Panzer fuhren Freitagabend in Kairo, aber auch in Suez und anderen Städten, auf - und wurden zum Teil von Demonstranten begeistert begrüßt. Offenbar dachten viele, dass nicht die Regierung die Armee schickte, sondern diese eigenständig eingriff. Im Staatsfernsehen war aber zu hören, dass die Armee "der Polizei zu Hilfe" komme, um die Ordnung wiederherzustellen.

Präsident Hosni Mubarak, von dem man seit Tagen nichts gehört hat - eine Rede wurde aber noch für Freitagabend angekündigt, ließ jedoch auf sich warten -, erließ in seiner Eigenschaft als oberster militärischer Befehlshaber ein Dekret, in dem eine Ausgangssperre in Kairo, Suez und Alexandria verhängt wurde, von 18 Uhr bis sieben Uhr am Samstag. Nur wenig später wurde sie auf ganz Ägypten ausgeweitet.

In den Straßen von Kairo war Freitagabend keine Polizei mehr unterwegs, dafür aber die Armee. Mehrere Gebäude, darunter das Hauptquartier der alleinherrschenden Regierungspartei NDP, standen in Flammen. Hunderte Demonstranten versuchten das Außenministerium zu stürmen, gelangten auch hinein, wurden aber zurückgeschlagen. Ebenso drangen Demonstranten in das Gebäude des staatlichen Fernsehens ein. Angesichts der Brände äußerten manche Sorge um das Ägyptische Museum.

Tote, Hunderte Verletzte

Blutüberströmte Verletzte wurden aus dem Stadtzentrum weggetragen. Am Abend wurde von mindestens 850 Verletzten und allein fünf Toten in Kairo gesprochen.

Die Demonstrationen hatten zu Mittag begonnen - und diesmal war nicht nur die junge Internetgeneration auf den Beinen, sondern auch die Moscheen spielten eine Rolle. Am Vorabend hatten die Behörden Angehörige der Moslembruderschaft verhaftet. Internet und Handyverbindungen wurden gekappt.

Ausgangspunkt Moschee

Der Sturm begann zu Mittag. "Das Volk will den Sturz des Regimes" , brüllte ein Gläubiger in die Stille der letzten Silben des Mittagsgebets in der Mustafa-Mahmud-Moschee im noblen Stadtkreis Mohandissin. Orkanartig brandete danach die Losung auf. Dem Ruf folgten jedoch auch Menschen, die normalerweise nicht in die Moschee gehen.

Der Imam hatte in seiner Predigt die Demokratie gelobt und den Jungen das Recht zugebilligt, dafür einzustehen. Dafür erhielt er offenen Applaus. Er mahne die Muslime aber auch zu Geduld und warnte vor Gewalt. "Das wird auch nicht helfen, um die Menschen zu beruhigen" , sagte Yusuf, ein junger Business-Student voraus.

Fast im Laufschritt zog die riesige Menschenmenge entlang von großen Durchgangsstraßen Richtung Stadtzentrum. Die Bereitschaftspolizei marschierte in Hundertschaften mit. "Endlich bewegt sich dieses Volk" , freute sich ein Islamist. "Hab keine Angst" , munterte ein Vater seine Tochter auf. Die Demonstranten skandierten "Freiheit" , "Mubarak raus" , "Das Volk will Gamal nicht" und trugen "Game over" -Plakate. An jeder Kreuzung schwoll der Strom an. "Kommt herunter, Ägypter" , riefen sie den Schaulustigen auf den Balkonen zu. Der Besitzer eines Kiosks verteilte seine ganzen Wasservorräte an die Vorbeiziehenden. Es herrschte eine gelöste Aufbruchsstimmung.

Tränengas in die Menge

Nach einer Stunde Fußmarsch kam der Zug an der Nilbrücke abrupt zum Stehen. Die Sicherheitskräfte feuerten Tränengas in die Menge. Mit Zwiebeln, Essig und Cola versuchten die Weinenden, ihre Pein zu lindern. "Wenn sie uns genug geplagt haben, öffnen sie die Straße" , sagte Sherif, ein junger Anwalt, der bei der ersten Demonstration am Dienstag von Zivilpolizisten zusammengeschlagen und dann für zwei Tage ins Gefängnis gesteckt wurde. Tatsächlich öffneten die Sicherheitskräfte die Brücken nach etwa einer Stunde, und junge Männer nutzten die Gelegenheit, um auf den Polizeifahrzeugen zu tanzen, die mit Protestplakaten dekoriert wurden. Die Menge feierte den örtlichen Polizeioffizier. Aber die nächste Sperre war nur wenige hundert Meter weiter.

ElBaradei unter Hausarrest

Mohamed ElBaradei, der am Donnerstag aus Wien nach Ägypten zurückgekehrte Friedensnobelpreisträger und frühere IAEO-Chef, schloss sich ebenfalls einem Demonstrationszug an. Vor Wasserwerfern flüchtete er sich in eine Moschee - und wurde dort von Sicherheitskräften eine Zeitlang "festgesetzt" und am Weitergehen gehindert. Später wurde verlautbart, dass er unter Hausarrest gestellt sei. Die Behörden hatten ihn vor der Demonstration gewarnt, nicht daran teilzunehmen.

"Wir wollen keinen Putsch und kein Chaos. Wir wollen einen geordneten Übergang zu einem freiheitlichen, demokratischen System" , skizziert Yusuf seine Zukunftsvision. "Aber Freiheit gibt es nicht umsonst" , ist sich der Student klar, und er ist überzeugt, dass die Proteste nicht abebben werden, bis sich etwas ändert. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2011)

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    Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei in der Menschenmenge. Später wurde der Hausarrest über ihn verhängt.

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