"Wenn das Volk das will, muss die Regierung gehen"

28. Jänner 2011, 18:03
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Demonstrantin Aza el-Madhi im STANDARD-Interview

Aza el-Madhi (56), Blumenzüchterin aus Gizeh, nahm am Freitag mit Tochter und Sohn am Protestzug ins Zentrum Kairos teil. Mit ihr sprach Astrid Frefel.

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STANDARD: Sind Sie heute zum ersten Mal auf der Straße?

El-Madhi: Ja.

STANDARD: Und warum?

El-Madhi: Es ist höchste Zeit. Wir hätten dieses Regime nicht so lange tolerieren sollen. Alles wird seit Jahren schlechter: Es gibt keine Entwicklung und keine Demokratie. Und es gibt keine Entschuldigung für die Stagnation, wir hatten hier keinen Krieg und keine Katastrophen. Die Regierung redet sich heraus mit dem großen Bevölkerungswachstum, aber das sollte sie als Vorteil nutzen.

STANDARD: Wie spüren Sie die negative Entwicklung selbst?

El-Madhi: In meinem Geschäft. Alles läuft mit Bestechung. Nur wer stiehlt, macht gute Geschäfte.

STANDARD: Sind Sie politisch aktiv?

El-Madhi: Nein, ich bin eine ganz gewöhnliche Bürgerin.

STANDARD: Muss die Regierung gehen?

El-Madhi: Und wenn sie die beste Regierung wäre, wie sie immer behauptet, müsste sie gehen, wenn das Volk das will. Aber wir haben seit Tagen nichts gehört vom Präsidenten und der Regierung. Die tun so, als ob sie in einem anderen Land leben würden.

STANDARD: Und was soll danach kommen?

El-Madhi: Ich möchte eine vertrauenswürdige Person der Mitte, das heißt, kein Islamist und kein Kommunist. Und als Erstes müsste ganz konkret der Müll weggefegt werden. Wie können Kinder in dieser schmutzigen Umgebung aufwachsen und lernen?

STANDARD: Was halten Sie von Mohammed ElBaradei?

El-Madhi: Wenn er will, kann er in einer Übergangszeit die Regierung führen, vielleicht ein Jahr.

STANDARD: Haben Sie keine Angst vor der Gewalt rund um die Demonstrationen?

El-Madhi: Nein, bestimmt nicht. Und die Leute, die hier sind, lassen sich sicher nicht einschüchtern. Viele waren im Ausland und haben anderes gesehen. Sie wissen, wofür sie kämpfen. Sie sind friedfertig und wollen nichts kaputtschlagen. Sie wollen nur, dass eine neue demokratische Ära beginnt. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2011)

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    Auch Frauen haben sich den Protesten angeschlossen: hier eine Demonstrantin in Kairo.

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