Stranzl: "Ich war Kapitän, dann war ich es nicht"

28. Jänner 2011, 17:52
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Martin Stranzl kickte fast fünf Jahre für Spartak Moskau - Nun soll der Burgenländer mithelfen, dass Gladbach nicht absteigt - Die Kapitel Constantini und Nationalteam bleiben geschlossen

Standard: Warum wechselt man von Spartak Moskau, einem russischen Topteam, zum deutschen Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach? Masochismus?

Stranzl: Ich hatte nur mehr für ein Jahr einen Vertrag in Moskau, es ist normal, dass man sich über die Zukunft unterhält. In der abgelaufenen Saison war ich oft verletzt, da hat sich ein neues Innenverteidigerduo eingespielt. Trainer Karpin hat mir versichert, dass die Karten neu gemischt werden, aber er zeigte Verständnis, dass ich etwas Neues will. Gladbach hat angefragt, eine tolle Aufgabe - obwohl es gegen den Abstieg geht. Aber es geht immerhin gegen den Abstieg in Deutschland.

Standard: Fußballer, auch oder sogar österreichische, träumen eher von einer Karriere in Spanien, Italien oder England. Sie kickten fast fünf Jahre in Russland. Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit?

Stranzl: Ich habe die Sprache zumindest teilweise gelernt, die Kultur ist interessant. Die Liga hat sich weiterentwickelt, die Infrastruktur wurde verbessert, ich konnte mir von einigen Trainern manches abschauen. Das waren Erfahrungen, die man einfließen lassen kann, wenn man später selbst Coach werden will. Ich bereue den Schritt überhaupt nicht. Ich habe zweimal Champions League gespielt, war dreimal Vizemeister, es hat immer nur ein Quäntchen gefehlt, dem russischen Fußball fehlt generell oft nur ein Quäntchen. Sie holen auf.

Standard: Wie ist der Stellenwert des Fußballers in Russland?

Stranzl: So wie in jedem anderen Land auch.

Standard: Ist es okay, dass die WM 2018 in Russland stattfindet?

Stranzl: Ja. Natürlich war der Anschlag auf den Flughafen eine Katastrophe, aber sie werden alles unternehmen, dass die Sicherheitsvorkehrungen perfekt sind.

Standard: Ihnen werden Leaderqualitäten nachgesagt. Reichen die aus, um Gladbach zu retten?

Stranzl: Der Verein will, dass ich mich als Abwehrchef einbringe, die Mitspieler führe. Das versuche ich, so bin ich halt. Deshalb hat mich Trainer Frontzeck geholt. Gladbach steigt deshalb nicht ab, weil die Qualität zu hoch ist.

Standard: Es wurde kolportiert, dass Salzburg und Rapid an Ihnen interessiert waren. Was sprach gegen eine Rückkehr nach Österreich, Sie hätten in beiden Fällen um den Titel mitgespielt?

Stranzl: Es gab keine konkreten Angebote, es wurden lediglich mit beiden Vereinen Gespräche geführt. Und geredet wird im Fußball viel. Die Frage nach der Rückkehr stellte sich also nicht.

Standard: Wissen Sie noch, was am 11. November 2009 passiert ist?

Stranzl: Mein Teamrücktritt.

Standard: Richtig. Sie kritisierten damals Teamchef Constantini, meinten, das Fass sei voll. Stehen Sie heute immer noch zu dieser Entscheidung?

Stranzl: Selbstverständlich. Es war ja kein spontane Entscheidung, sondern die Reaktion auf eine längere Entwicklung. Es gab keine Linie, dann hat es geheißen, der Stranzl will gar nicht im Team sein, dabei war ich verletzt und hatte mit Constantini alles abgesprochen. Ich war Kapitän, dann war ich es nicht, es wurde behauptet, man soll nicht dauernd wechseln. Mittlerweile ist fast jeder Kapitän gewesen, Pogatetz, Scharner, Janko, Fuchs. Ich vermisste die Ehrlichkeit.

Standard: Haben Sie sich von Constantini gemobbt gefühlt?

Stranzl: Das hatte nichts mit Mobbing zu tun, sondern mit fehlender Ehrlichkeit. Es ist nicht ordnungsgemäß abgelaufen, also habe ich Konsequenzen gezogen. Das Kapitel bleibt geschlossen, es war mit enorm viel Arbeit und Aufwand verbunden, ich hatte schöne Momente, die Europameisterschaft in Österreich war ein unvergessliches Erlebnis.

Standard: Andreas Ivanschitz war das andere Opfer. Glauben Sie, dass es sich um eine persönliche Geschichte handelt, vielleicht mag der Teamchef Sie nicht?

Stranzl: Das weiß ich nicht. Jeder Trainer trifft Entscheidungen, das muss man akzeptieren, er steht in der Verantwortung, er hält auch den Kopf hin. Noch einmal: Es ging um den Umgang. Ich bin aber nicht nachtragend.

Standard: Hatten Sie seither Kontakt zu Constantini?

Stranzl: Nein, auch mit niemandem vom Verband.

Standard: Verfolgen Sie das Team?

Stranzl: Ich bekomme nur die Resultate mit, das 4:4 in Belgien habe ich gesehen.

Standard: Was trauen Sie der Mannschaft zu?

Stranzl: Das kann ich nicht beantworten, ich kenne sie zu wenig.

Standard: Haben Sie in Ihrer Karriere Fehler gemacht?

Stranzl: Es passt, wie es war und ist, ich gebe immer alles, besitze wohl Beißerqualitäten. Von unerfüllten Träumen halte ich wenig. Wer Träumen hinterherläuft, scheitert im Alltag, im Leben. (DER STANDARD Printausgabe, 29./30.1.2011)

Martin Stranzl (30) wurde in Güssing geboren. Von 1997 bis 2004 kickte der Burgenländer bei 1860 München, bis 2006 bei Stuttgart. Danach wechselte der Verteidiger zu Spartak Moskau. Vor einem Monat wurde er vom deutschen Tabellenletzten Borussia Mönchengladbach verpflichtet (Vertrag bis 2013). Im ÖFB-Team brachte es Stranzl auf 56 Einsätze und drei Tore (zwischen 2000 und 2009, letztes Match 0:1 in Serbien).

  • Martin Stranzl über seine Russland-Jahre: "Ich konnte mir von einigen Trainern manches abschauen."
    foto: epa/karmann

    Martin Stranzl über seine Russland-Jahre: "Ich konnte mir von einigen Trainern manches abschauen."

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