Das ist doch nur Notwehr!

28. Jänner 2011, 16:39
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Tex Rubinowitz hat sich einen "Phonejammer" zugelegt, der im Umkreis von 20 Metern hässliche Telefonate unterbindet - Einige Bemerkungen zum Thema Rücksichtslosigkeit

Es gibt eine, ich vermute, weil sie so gut klingt, erfundene Aussage der australischen Aborigines, die sinngemäß gesagt haben sollen, dass mit jedem Foto, das man von ihnen macht, ein Teil ihrer Seele gestohlen wird. So etwas klingt gut auf esoterischen Kalendern oder in Tagebüchern junger Mädchen, die der Weltschmerz, also die Pubertät zu fluten droht, vielleicht hat sich das auch nur ein Weißer ausgedacht, um die australischen Ureinwohner zu diskreditieren, eine beliebte Taktik von Invasoren.

Inzwischen ist aber ironischerweise so etwas Ähnliches eingetreten, nur dass nicht das fotografierte Objekt entseelt wird, sondern der Fotograf selbst. Durch die digitalisierte, sogenannte demokratisierte Fotografie verschwinden plötzlich die Fotografen, das heißt, die aktualisierte Botschaft Andy Warhols von vor vierzig Jahren, nach der in der Zukunft jeder für 15 Minuten berühmt werden kann, die jetzt lauten müsste, heute ist jeder für 15 Leute berühmt, im Internet, ist sogar noch viel winziger geworden, heute ist jeder ein Star für sich selbst, sein eigener Fan. Das Versprechen, dass das superdemokratische Internet jedem eine Chance bietet, so wie das Naturtheater in Oklahoma am Ende von Franz Kafkas Amerika, wo jeder, egal mit welchem Können und welcher Leistung, aufgenommen wird, das bleibt bei einem Versprechen, solange es jeder nutzt und jeder hofft und jeder seine Bilder ins Netz stellt, also wie ein Hund am Baum seine Marken setzt, und am Ende, wenn man Glück hat, gerade mal von sich selbst besucht und betrachtet und bestaunt wird.

Die Touristen gehen nicht mehr zu den Sehenswürdigkeiten, Naturwundern oder in die Museen, um sich Bauwerke, Berge und Bilder anzusehen oder um sie schön zu finden, sondern sie lassen ihre Kameras entscheiden, was es wert ist, gespeichert und abgelegt zu werden. In riesigen Datenbänken, die je größer, desto wertloser, weil undurchdringlicher und ununterscheidbar werden, Demokratisierung der Ästhetik frisst am Ende die Ästhetik selbst auf.

Dass die Menschen alles in Rudeln machen müssen, dass sie nicht nachdenken, wenn sie anderen Menschen im Wege stehen, kann nur einer Schwarmdemenz geschuldet sein, was beim Fisch- oder Vogelschwarm oder im Hyänenrudel überlebenswichtig ist, weil die Gruppe ihnen sozialen Halt gibt, braucht ein dauernd auf seine Individualität und Einzigartigkeit pochendes Wesen eigentlich gar nicht mehr, tut es aber trotzdem, ohne zu bemerken, dass das Wesen unentrinnbar mit anderen zu einer amorphen Masse verklebt, in der mit gleichem Vokabular gesprochen wird, gleiche Rituale gepflegt werden und man furchtbare Angst hat, Außenseiter zu werden, weswegen Außenseiter so verachtet und nicht stattdessen bewundert werden.

Deshalb stehen uns diese Leute im Weg, denken nicht nach, küssen sich zur Begrüßung, umarmen sich, erfrechen sich, indem sie einem "einen schönen Tag/Abend noch" wünschen, blockieren alles rücksichtslos, denken nicht nach, sind immer und überall zu laut, halten sich an einer kleinen Wasserflasche aus Plastik fest, ohne durstig zu sein. Jeder hat eine Meinung und schreibt eine Kolumne, alle Zeitungen sind voll von unreflektiertem Rumgemeine, Erlebnisgehupe und ausgeleierten Pointen, alle quaken durcheinander wie Frösche im umgekippten Pfuhl, zuhören kann keiner und will auch niemand mehr, sie glauben, sie haben die Wahrheit gesehen, dabei plappern alle allen alles nach.

Clowns auf Bananenschalen

Das zweithässlichste Sozialgeräusch ist Lachen, zu 70 Prozent lachen die Menschen aus Verlegenheit und/oder Dummheit, zu 26 Prozent aus irgendwelchen anderen Gründen, die sie vermutlich selbst nicht kennen, die restlichen vier Prozent lachen über Clowns, die auf Bananenschalen ausrutschen. Und hier, wie in allen Rudeln, gibt es einen Chef, der als Erster lacht, dann lachen alle mit, die Leute denken immer, dass diese Person, nennen wir sie Meinungsführer, einen Witz, eine Idee oder was auch immer, am schnellsten begriffen hat, aber oft ist das nur ein gehorsames, vorauseilendes, dünkelhaftes Lachen, damit jeder erkennen soll, wer hier das Alphatier ist.

"Der Lauteste in einem Raum ist immer der Schwächste" , so eine gut frisierte Phrase aus irgendeinem amerikanischen Gangsterfilm voller dummer Klischees, könnte man so stehen lassen, wenn sie nicht so ermüdend belanglos klänge, Phrasen, Meinungen, Behauptungen, alles muss pointiert werden, auch wenn der Satz im Kern natürlich stimmt.

Das schlimmste Geräusch allerdings ist, neben denen, die beim Sex entstehen, die nur peinlich selbstdemontierend sind (sechzig Sekunden stilloses Aufeinandergeklatsche, dumpfe Laute aus verblödeten Gesichtern, die an sterbende Karpfen erinnern), das allerschlimmste ist also jenes, das entsteht, wenn Menschen telefonieren müssen, gerne in der Öffentlichkeit, ich nenne es mal: die exhibitionistische Stimme. Zur Rücksichtslosigkeit kommt ein, wie ich vermute, massiver Minderwertigkeitskomplex dazu, jetzt sage ich es der Gesellschaft mal laut und deutlich, dass ich existiere, aber nicht direkt, sondern mit anderen Worten, "Na, wie hammas?" "Ich bin in zehn Minuten daham" , "Was gibt's zu essen?" , "Bussi" , "Ich ruf dich an" , ich habe ein Telefon, also kann mir auch keiner verbieten zu reden, so laut es mir passt, ich kenne meine Rechte. Telefonierer reden auch grundsätzlich lauter in ihre Geräte als mit einem Gegenüber in der Kohlenstoffwelt, das hat vermutlich damit zu tun, dass sie sich die enorme Distanz zu ihrem Gesprächsteilnehmer vorstellen, da kann man ja nur rufen, wie die Hirten früher von einem Berg zum nächsten.

Nur wissen sie nicht, dass es kein Recht auf Rücksichtslosigkeit gibt, und deshalb habe ich mir einen Phonejammer zugelegt, das ist ein nützliches Maschinchen, damit kann man im Umkreis von 20 Metern hässliche Telefonate unterbinden, es stört die Frequenz, und niemand kriegt das mit, weil niemand weiß, wie so ein Phonejammer aussieht, es könnte genauso ein Garagentoröffner sein oder ein Nasenhaarschneider. Phonejammer sind bei uns verboten, man muss sie in Hongkong bestellen, sie kosten nur 99 Dollar. Wenn sie keine Rücksicht nehmen können, kann ich das auch, das ist doch nur Notwehr. Es gibt eine Bedrohung und eine Gefährdung durch Geräusche, aber keine durch Stille. Und dafür sind, wie ich finde, 99 Dollar gut investiert.

Einmal fuhr ich von Hallstatt nach Wien, bitte umsteigen in Attnang-Puchheim, hatte meinen Phonejammer, wie üblich bei solchen Ausflügen, bei mir, aber der lag im Koffer, als ein etwa 70-jähriger Mann laut zu telefonieren begann, aber ich war zu müde oder apathisch, um ihn herauszuholen, aber wahrscheinlich war ich nur versunken in der wiederkehrenden Überlegung, in was ich eigentlich sitze, denn unter Eisenbahnexperten besteht Uneinigkeit, ob die Salzkammergutbahn als Gebirgsbahn bezeichnet werden darf, auch wenn sie keine wesentliche Höhendifferenz überwindet und das Gebirge stattdessen umfährt. In Attnang-Puchheim dann natürlich die Frage, wie es eigentlich dem Baumeister geht, der hier diesen traurigsten aller Bahnhöfe gebaut hat, kann er ruhig schlafen, steigt er hier gerne um? Kann die primäre Eigenschaft einer Stadt, dass man in ihr umsteigt, ihre Lebensqualität ent- oder aufwerten?

Ich hab noch eine andere Art, um mich vor Umweltgeräuschen zu schützen, das ist etwas kompliziert, man erzeugt im Nasen-Rachen-Raum einen Überdruck durch Kontraktionen des Gaumensegels, sodass durch die Eustachischen Röhren die Trommelfelle nach außen gebläht werden, in der Folge können die Schallwellen nur unzureichend in den Gehörgang dringen, ich bin dann zwar nicht ganz taub, aber höre nur noch dumpf, das geht eine Zeitlang, ist aber anstrengend, man bekommt schnell einen Krampf im Rachen.

Da holt man sich Backenfutter

Der Mann schreit weiter nur seine Sinnlosigkeiten in sein Telefon, ich könnte auch zu ihm hingehen und sagen, dass er hier alle belästigt, aber dabei, ich hab's ein paar Mal ausprobiert, riskiert man, dass die Leute aggressiv werden, einen wahlweise als Vollnazi, dreckiger Kommunist oder Schwuchtel beschimpfen. Solchen Leuten mit Laotse zu kommen, der mal gesagt haben soll, dass die größte Offenbarung die Stille sei, oder ihnen zu erzählen, dass mit jedem Telefonat eine Elfe stirbt, hat keinen Zweck, da holt man sich unter Umständen gar Backenfutter ab.

Der Mann macht bei seinem dritten Telefonat einen Fehler, er spricht einem anderen Teilnehmer seine Nummer in die Mailbox, man möge ihn doch bitte zurückrufen, ich schreibe sie auf und schicke ihm eine SMS. "Wo ist Lefty?" Er schreibt zurück: "Ha?" Ich: "Lefty ist nicht zum vereinbarten Termin gekommen, jetzt sitze ich hier mit der ganzen Kohle." Er: "He Hawara huach zua I was ned amoi wer du bist ok?" Ich: "Du Fotzenkobold, jetzt ist deine Wohnung voller Kibara, irgendwer hat gesungen, wenn du zhaus kummscht, wirst du nichts mehr wiederfinden, mir fehlt bereits der rechte Schuh." Er: "Wer bist du?" Ich: "Lefty."

Dann kam nichts mehr, und telefoniert hat er auch nicht mehr. Ruhe ist etwas Herrliches, man muss nur wissen, auf welchem Weg man zu ihr gelangt.

Als Nächstes streben wir dann bitte alle eine Lebensweise an, die unsere Anwesenheit nicht erfordert. (Tex Rubinowitz/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30. Jänner 2011)

Zur Person

Tex Rubinowitz, geb. 1961 in Hannover, ist Zeichner, Cartoonist (u. a. im Falter, FAS und der Standard) und Autor. Er lebt seit 1984 in Wien. Von ihm erschien zuletzt der Roman Ramses Müller (Eichborn, 2009) und Der Bremsenflüsterer (Falter Verlag, 2009).

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