Tron 1982 - 2011

    28. Jänner 2011, 16:25
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    Warum der Film "Tron: Legacy" trotz zeitgemäßer Technik von gestern bleibt. Ein Nachruf.

    1982 im Kino oder bei den TV-Wiederholungen in den darauffolgenden Jahren war der Film "Tron" ein Mysterium. Ganz anders. In der Zeit von 8-Bit-Grafik, von C64 und PCs, die noch in XTs und ATs unterteilt wurden, war "Tron" so etwas wie die Verfilmung einer Sehnsucht. Er verbildlichte den Vorausglauben an ungeahnte Möglichkeiten einer digitalen Welt, die erst am Anfang stand. Man wollte sich auskennen. Man wollte dabei sein.

    Also rüstete man sich aus, bewarb die neuen Geräte bei der verständnislosen Familie und steckte absurd große Disketten in laut murrende, klobige Laufwerke, oder noch schlimmer, lud den 4-färbigen Blockout-Klon ganz, ganz langsam von einem Kassettenlaufwerk. In mancher Ladezeit ging sich noch eine Runde Fußballspielen aus. Das alles, selbst das Fußballspielen in den Ladepausen, passte zu "Tron".

    2011 ist partizipatives Internet Realität, russische Hacker legen Botnetze an, um an heikle Informationen heranzukommen und ein australischer Kryptoanarchist namens Julian Assange bringt staatliche Verschlusssachen unters Volk. Der Begriff Cyberwar ist keine Utopie mehr. 2011 denkt sich der mittlerweile mit der Lebenseinstellung des "Big Lebowski" angereicherte "Tron"-Faszinierte von damals vielleicht noch: "Der Dude wieder im Computer? Das kann nicht schief gehen." Und dann geht er ins Kino, schaut sich den neuen Jeff Bridges an und merkt: Ja, doch, es kann schief gehen. Und wie.

    Nichts gegen das durchgestylte Design, nichts gegen die 3D-Effekte, die gemeinsam mit dem Dolby-Sound durchs Gehirn fräsen, nichts gegen eine lineare Handlung und die unbeholfen aufgesetzte philosophische Message eines perfekten Systems als Tyrannei. Das ist State oft the art 2011. Schlimm ist aber, dass der Drehbuchschreiber "Tron" jedes Mysterium genommen hat. Dass er aus der Coolness eine obszöne Cyber-Revue gemacht hat. Dass die peinlichen Dialoge selbst nur erwartungsloses Vertiefen ins bewegte Farbenspiel behindern. Dass "Star Wars" und "Herr der Ringe" offenbar ein größeres Vorbild waren als der erste Teil. Der Film erinnert an ein anderes Debakel: "Tron" verhält sich zu "Tron: Legacy" wie der "Blues Brothers" zu "Blues Brothers 2000". Ausnahmsweise ist auch das Spiel besser als der Film.

    Dennoch: Alle Verfehlungen des Films sind nicht dafür verantwortlich, dass die Faszination des ersten Teils mit seiner nun antiquierten Computerwelt nicht mehr einholbar war. Die Zeiten haben sich geändert. 2011 müssen andere Metaphern gefunden werden, um den Aufbruch in eine Zukunftswelt zu bebildern. Der motorradgetriebene Cyberpunk ist im neuen "Tron" zum meditierenden Zen-Apostel im barocken Wunderland für Filmausstatter geworden. Zumindest das ist schlüssig. "Tron" war eine Inspirationsquelle für das beginnende digitale Zeitalter und ein oft verwendeter Gemeinplatz in der Game-Kultur. Der Computerkult von "Tron" wurde in einem Film geboren, und in seiner Fortsetzung begraben. Amen.

     

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