Hälfte der Junglehrer muss "Praxisschock" ohne Hilfe verdauen

28. Jänner 2011, 15:12
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Dennoch gibt es an 44 Prozent der Schulen keine formale Berufseinführung, an 54 Prozent kein Mentoring

Salzburg/Wien - Das Gefühl, wenn Junglehrer nach Abschluss ihrer Ausbildung allein vor ihrer Klasse stehen, hat einen eigenen Namen: "Praxisschock". Beim Berufseinstieg sind sie mit diversen neuen Problemen konfrontiert, mit unmotivierten oder undisziplinierten Schülern, Erwartungsdruck oder Ressourcenmangel. In Österreich wird laut der OECD-Lehrerstudie TALIS dennoch nur etwa die Hälfte der Berufseinsteiger beim Übergang von der Ausbildung zum Alltag als Lehrer durch eine Berufseinführung (Induction) oder Mentoring unterstützt.

"Lehrer stehen von Tag eins an alleine in der Klasse", schildert Juliane Schmich, die für das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) eine Sonderauswertung zu TALIS durchgeführt hat und am Freitag bei der Tagung "Forschung zur (Wirksamkeit der) Lehrerbildung" in Salzburg einen Vortrag zum Berufseinstieg von Lehrern hält. Lehrer, so Schmich, könnten bei Problemen während des Unterrichts nicht einfach Kollegen um Hilfe bitten; in anderen Berufen komme das vor allem zu Beginn kaum vor. Dazu komme die Diskrepanz zwischen der Ausbildungssituation an Uni oder Pädagogischer Hochschule (PH) und den zusätzlichen Anfordernissen, denen Lehrer im Schulalltag gegenüberstehen.

54 Prozent der heimischen Schulen ohne Mentoring

Spezielle Unterstützung beim Berufseinstieg, "Induction" genannt, wirkt sich in dieser Phase mehrfach positiv aus, verweist Schmich auf ihre Studie: Lehrer, denen diese Hilfe angeboten wurde, sind alles in allem zufriedener mit ihrer Arbeit, sehen eine positivere Stimmung zwischen Lehrern und Schülern, interessieren sich stärker für die Meinung ihrer Schüler und glauben eher daran, dass sie Herausforderungen bewältigen können. Dennoch gibt es an 44 Prozent aller AHS-Unterstufen und Hauptschulen gar keine "Induction" und an einem Viertel der Schulen nur für Berufseinsteiger. An rund einem Drittel bekommen alle neuen Kollegen eine formale Begleitung durch ein Berufseinführungsprogramm.

Dabei ist das Angebot an den Hauptschulen geringer: An 62 Prozent gibt es das Angebot überhaupt nicht, an AHS ist das nur in zwölf Prozent der Fall. Zum Vergleich: In den 22 anderen an der TALIS-Studie beteiligten OECD-Ländern gibt es im Schnitt an 28 Prozent der Schulen keine Angebote für Berufseinsteiger. Während es in der "Induction" insgesamt darum geht, wie Junglehrer ihren Unterricht im Sinne des lebenslangen Lernens gestalten sollten, sollen beim Mentoring erfahrene Kollegen den Berufseinsteigern bei Fragen weiterhelfen. An 54 Prozent der heimischen Schulen gibt es kein Mentoring, an je einem Viertel nur für Berufseinsteiger bzw. für alle neuen Kollegen.

Dabei wird an 69 Prozent der Hauptschulen Mentoring für neue Lehrer, die im Rahmen ihrer sechssemestrigen PH-Ausbildung vier Wochen Schulpraxis machen, gar nicht angeboten. An den AHS trifft das nur auf 29 Prozent der Standorte zu. Allerdings müssen angehende AHS-Lehrer vor dem eigentlichen Berufseinstieg ein einjähriges Unterrichtspraktikum absolvieren, bei dem ihnen ein Begleitlehrer zur Seite steht, begründet Schmich den Unterschied zu den Hauptschulen. (APA)

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