Angebot wichtiger als Preis

28. Jänner 2011, 14:49
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VCÖ, Palfinger und Knoflacher: Kaum verkehrspolitische Wirkung durch geplante Maßnahmen

Die rot-grüne Stadtregierung will bis zum Sommer eine Tarifreform für die Wiener Öffis ausarbeiten. Verkehrsfachleute sehen darin jedoch kaum eine wirksame Maßnahme, um den Anteil am öffentlichen Verkehr zu heben. Das Preisargument sei für Öffi-Fahrer kaum relevant, vielmehr müsse das Angebot verbessert werden, so der Tenor. Bezweifelt wird außerdem die Praktikabilität sozial gestaffelter Fahrkarten, wie dies in der neuen Ticketstruktur vorgesehen ist. Verteuerungen bei bestimmten Fahrscheinen wären jedoch kontraproduktiv.

Preisreform habe kaum Wirkung

Es bestehe generell kein großer Reformbedarf bei den Preisen, sagte Martin Blum vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Untersuchungen würden nämlich zeigen, dass der Anteil der Öffi-Benutzer nicht so sehr von niedrigpreisigen Tickets abhänge, sondern vielmehr Verbesserungen im Netz ausschlaggebend seien: "Es gibt wesentlich stärkere Hebel, als ein bisschen bei den Tarifen herumzuschrauben." So müssten etwa die Bim-Querverbindungen in den Außenbezirken ausgebaut werden, forderte Blum.

Als "kontraproduktiv" bewertete der VCÖ-Experte etwaige Pläne, die Fahrpreise für bestimmte Passagiergruppen oder Kurzzeittickets wie Einzelfahrscheine anzuheben. "Es kann nicht das Ziel sein, Öffi-Fahren in Wien teurer zu machen", dies würde gerade "Einsteiger" abschrecken. SP-Finanzstadträtin Renate Brauner wollte unlängst punktuelle Preiserhöhungen nicht ausschließen. Die FPÖ prophezeite zudem kürzlich Anhebungen beim Einzelfahrschein, seitens der Wiener Linien verwies man heute lediglich auf die derzeit werkende Arbeitsgruppe.

Soziale Staffelung wie umsetzen?

Hinsichtlich der geplanten sozialen Staffelung stelle sich die Frage der Praktikabilität, gab Blum zu bedenken: "Stelle ich mich dann mit dem Lohnzettel zum Kassenschalter?" Sinnvoller wären Kundenbindungsprogramme wie eine kostenlose Jahreskarte für langjährige Dauerkartenkäufer oder Ermäßigungen bei der ersten Jahreskarte.

"Teurere Einzel- oder Gelegenheitsfahrscheine (wie Tages- oder 72-Stunden-Karten, Anm.) würde ich für höchst problematisch halten", so der unabhängige Verkehrsfachmann Michael Palfinger. Diese Gruppe mache derzeit höchstens 15 Prozent der Öffi-Fahrer aus. "Hier müsste man 50 Prozent erreichen" - und zwar aus "Marketinggründen", um Menschen, die gelegentlich Bus, Bim oder U-Bahn fahren, verstärkt zu gewinnen.

Pünktlichkeit, Intervalldichte, Umsteigen

Generell zähle aber für weniger als zehn Prozent der Menschen allein das Preisargument. Wichtiger seien Fragen wie Pünktlichkeit, Intervalldichte oder die Häufigkeit des Umsteigens. Man könne den öffentlichen Verkehr nicht "sanieren", indem man am Preis herumdoktere: "Selbst mit Gratis-Jahreskarten bringen Sie die Leute nicht aus dem Auto." Doch auch wenn umwelt- oder verkehrspolitisch wenig wirksam, seien billigere Fahrscheine für einen Teil der Bevölkerung zumindest eine sinnvolle Sozialmaßnahme, so Palfinger.

"Keine Indizien für eine Notwendigkeit einer Tarifreform" sieht Verkehrsplaner Hermann Knoflacher (Technische Universität Wien). Schließlich würden sich die Passagiere kaum über die Ticketpreise, sondern über Mängel beim Angebot beschweren, schlägt der Wissenschafter, der auch Vorsitzender des Fahrgastbeirats der Wiener Linien ist, in eine ähnliche Kerbe wie seine Kollegen. Forciert werden müsse etwa der Ausbau von Straßenbahnverbindungen.

Verkehrspolitische Auswirkungen durch billigere Fahrscheine erwarte er sich kaum. Damit die Wiener öfter mit den Öffis unterwegs sind, seien andere Maßnahmen dringender. Einen Ansatzpunkt ortet Knoflacher bei den - seiner Ansicht nach - immer noch zu geringen Parkgebühren. (APA)

  • Nicht der Preis, sondern Pünktlichkeit, Intervalldichte und Häufigkeit des Umsteigens seien die wichtigsten Fragen.
    foto: wiener linien

    Nicht der Preis, sondern Pünktlichkeit, Intervalldichte und Häufigkeit des Umsteigens seien die wichtigsten Fragen.

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