Die Sehnsucht hinter dem Spiegel

28. Jänner 2011, 18:58
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Realität, Wunsch und die Verzweiflung nach der Kindheit: David Slavitts feinsinniger Roman über die doppelte Alice

Fantasie haben, meinte Thomas Mann, heiße nicht, sich etwas auszudenken, es heiße, sich aus den Dingen etwas zu machen. Dies beherzigte David R. Slavitt vor mehr als 25 Jahren in Alice at 80, einer psychologischen Studie, die als pseudodokumentarischer und pseudohistorischer Roman daherkommt und merkwürdigerweise erst jetzt - und wie der Herausgeber der "Anderen Bibliothek", Klaus Harpprecht, beteuert: rein zufällig - im Kielwasser der jüngsten Verfilmung in Heide Sommers sorgfältiger Übersetzung vorliegt. Allerdings versehen mit einem verunglückten, weil ausgesprochen teutonisch klingenden Titel und einem richtiggehend dummen Untertitel.

Denn in Alice über alles kreist eben nicht alles um Alice. Dabei ist die Ausgangssituation surreal, auch wenn sie tatsächlich der historischen Wahrheit entspricht und so von keinem Romancier ausdenkbar. Da wird im Frühsommer 1932 einer achtzigjährigen Engländerin die Ehrendoktorwürde der New Yorker Columbia University verliehen, nicht wegen akademischer oder intellektueller Verdienste - sondern weil diese Mrs Alice Liddell Hargreaves einem Buch entsprungen ist. Weil sie knapp 70 Jahre zuvor einen Dozenten des Oxforder Christ Church College namens Charles Dodgson anregte, eine Erzählung zu Papier zu bringen. Er nannte die Haupt-figur Alice, er nannte das Buch Alice im Wunderland, und als Autor nannte er sich "Lewis Carroll".

Von Carroll, dem pädophilen, liebesunfähigen, triebgestörten streng gläubigen Religionsdozenten, der Kinder zeichnete und Nacktaufnahmen von ihnen machte, entsteht ein subtiles Porträt in indirektem Licht. Indirekt, weil das Buch ein raffiniertes Kaleidoskop aus Erinnerungen, Rückblenden und Monologen ist: einiger jener Frauen, die einst als Zehn-, Elf-, Zwölfjährige Carroll Modell standen und mit ihm Umgang hatten, von Alice' Ehemann Reginald, der einige Jahre vor der Verleihung gestorben ist, und von Caryl, Alice' einzig noch lebendem Sohn, einem antriebsarmen und lebenslang an einem Zuneigungsdefizit leidenden Alkoholiker, der den Erinnerungsschatten seiner beiden älteren, im Ersten Weltkrieg gefallenen Brüder nie hat abschütteln können.

Der 1935 geborene, heute in Philadelphia lebende David Slavitt, ausgebildet in Andover, Yale und Columbia, hat sich in erster Linie als ungemein fleißiger Übersetzer aus dem Lateinischen und Altgriechischen einen Namen gemacht, daneben eigene Gedichte geschrieben sowie Prosabände veröffentlicht, zuletzt George Sanders, Zsa Zsa and Me, ein buchlanger Essay über seine eigenen Anfänge als Filmkritiker in den frühen 1960er-Jahren wie über Ruhm, Abstieg und Vergessen in Hollywood. Vor einigen Jahren enterte er auch die politische Arena, nahm im Gouverneurswahlkampf im eher liberalen Ostküsten-Bundesstaat Massachusetts aufseiten der Republikaner als Kandidat teil und schrieb mit Blue State Blues darüber ein bitterböses, für die USA viel zu kluges Buch über die hohle Binnenwelt der Politik (dass er haushoch verlor, versteht sich von selbst).

Angesichts virulenter aktueller Missbrauchsfälle denkt man bei der Ausgangskonstellation in Alice schnell an die Darstellung von Pädophilie. Vorschnell. Darum geht es in diesem fein gewobenen psychologischen Roman weniger, eigentlich nur am Rande. Vielmehr seziert Slavitt unerbittlich kühl den Komplex von Leben und Literatur, Verschattung durch ein Buch und fehlgehende Suche nach Glück, er schreibt vom Gedächtnis, dessen Lücken und aussortierten Traumata, von objektiv fehlgehender Kommunikation und subjektiven Täuschungen. "Was ich repräsentiere?", lässt er Alice einmal wie zufällig fragen. Und gibt sogleich die Antwort darauf: "Glücklichsein. Oder Unschuld. Alles, was wir aus der Kindheit in Erinnerung haben - oder uns ausmalen. Du bist die Kindheit, die jeder gern gehabt hätte. Wer kann schon seinem eigenen Kindheits-Ich gestehen, dass man sein Glück nicht gefunden hat?"

Was ist Kindheit, was Unschuld? Was ist das Erbe der Kindheit? Die Sehnsucht, die man ersehnt und wieder erlangen möchte? Ist es tatsächlich das Paradies, wie Jean Paul schrieb, aus dem man nicht vertrieben werden könne? Oder liegt nicht genau dort die Quelle vielfältigen Unglücks, im Falle von Alice des fatalen, alles überstrahlenden, alles verdunkelnden Zerwürfnisses mit der eifersüchtigen, jüngeren Schwester? Dass dies auch noch die Jahrzehnte überdauert hat als öffentlich gepriesenes und weltweit gelesenes Meisterwerk der Kinder- und Jugendliteratur, dreht die Schraube des Schmerzes mehr als eine Drehung weiter. "Es war eine Krankheit, dachte sie. Oder wie eine Krankheit. Eine jener sehr komplizierten Erkrankungen, die man eine Zeitlang in sich trug und ausbrütete, ohne zu wissen, was es war, und die dann, Monate oder Jahre später, plötzlich mit Fieberanfällen und Schüttelfrost zum Ausbruch kamen. Die frühe Phase der stillen Inkubation war die Kindheit. Der Rest - das Fieber, der Schüttelfrost und der ganze Dreck - war das Leben." (Alexander Kluy, DER STANDARD - Printausgabe, 29./30. Jänner 2011)

  • David R. Slavitt, "Alice über alles. Die Kinderliebe des genialen 
Erzählers Lewis Carroll." Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer. € 
32,90 / 276 Seiten. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010
    foto: eichborn verlag

    David R. Slavitt, "Alice über alles. Die Kinderliebe des genialen Erzählers Lewis Carroll." Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer. € 32,90 / 276 Seiten. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010

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