Verteidigung mit Witz und Ironie

29. Jänner 2011, 17:30
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Ein Wiener Forschungsteam untersuchte Formen und Wandel des Antisemitismus von 1861 bis 1933 im Parlament

Wien - Jüdische Partizipation und Repräsentation in der österreichischen politischen Geschichte wurden bislang wenig beleuchtet. Ein Forschungsteam um Eva Kreisky, Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, untersuchte Formen und Wandel des Antisemitismus, mit dem jüdische Abgeordnete konfrontiert waren sowie deren Gegenstrategien. Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Parlament und wurden vom Zukunfts- und Nationalfonds der Republik sowie dem Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördert.

Zwischen 1861 und 1933 zählten das Abgeordnetenhaus des k.u.k. Reichsrats bzw. der Nationalrat der Republik 88 Mitglieder, die bei ihrer Geburt der jüdischen Gemeinde angehörten. Unter den Abgeordneten finden sich prominente Namen, u.a. Viktor Adler, Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. PolitologInnen der Universität Wien untersuchten nun diese von gesellschaftlichen und politischen Brüchen wie Umbrüchen geprägte Periode: "Die Parlamente des Zeitraums 1861 bis 1933 waren Austragungsort sozialer und politischer Konflikte. Gleichzeitig bildeten sie antisemitische Strömungen ab", erklärt Forschungsprojektleiterin Eva Kreisky.

Wandel zum modernen Antisemitismus

In die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt der Wandel vom religiös geprägten Antijudaismus zum modernen Antisemitismus. Der moderne Antisemitismus wurde "wissenschaftlich belegt" - er erweckte den Anschein einer wissenschaftlichen Fundierung. Dieser Wandel vollzog sich auch im Parlament: "Die VertreterInnen des modernen Antisemitismus propagierten nicht mehr einen Religionsgegensatz, sondern eine angebliche 'soziale Frage' und eine 'Kulturfrage' zwischen gegensätzlichen Völkern bzw. 'Rassen'. Die dabei transportierten Feindbilder als politische Ideologie waren ab Ende der 1880er-Jahre bis in die Erste Republik fixer Bestandteil des parlamentarischen Alltags", so Projektmitarbeiterin Saskia Stachowitsch.

Stereotypen

In sechs Fallstudien analysierten die ForscherInnen Debatten und Anfragen aus unterschiedlichen Politikfeldern, in denen sich zentrale gesellschaftliche und politische Wandlungsprozesse ereigneten: Migrations-, Universitäts-, Presse- und Gewerbepolitik, Nationalitäten- und Sprachenkonflikte sowie Wahlrechtsdebatten. Dabei wurden antisemitische AkteurInnen identifiziert und deren Stereotype und Argumentationsmuster herausgearbeitet: "Die instrumentalisierten Bilder reichten vom 'jüdischen Spekulanten', der mit unrechtmäßig erworbenem Reichtum und kapitalistischer Ausbeutung assoziiert wurde, bis zum 'jüdischen Hausierer', der Armut und Krankheit verbreitet", so Eva Kreisky.

Anfeindungen

Mit dem Aufstieg des völkischen Nationalismus wurden Juden und Jüdinnen auch als Feinde der jeweiligen Nationalität bis hin zum 'Gegen-Volk' imaginiert. Nach 1900 kam es zu verstärkten persönlichen Anfeindungen und auch Handgemengen im Plenarsaal. Die attackierten jüdischen Abgeordneten stellten dabei keine homogene Gruppe dar, sondern waren in unterschiedlichen Klubs und Parteien organisiert: orthodoxe Rabbiner wie Joseph Bloch, deutsch-liberale Unternehmer wie Rudolf Auspitz, konservative Polnischnationale (z.B. Bernhard Stern), ZionistInnen wie Robert Stricker sowie SozialdemokratInnen, etwa Therese Schlesinger.

Mit zunehmender Demokratisierung wurde der Antisemitismus als anti-liberale, anti-sozialistische, anti-urbane, anti-intellektuelle und nationalistische Politikstrategie etabliert. "Sie diente vor allem deutschnationalen und christlichsozialen Abgeordneten, etwa zur Stützung katholischer Hegemonie an den Universitäten sowie von kleinbürgerlichem Protektionismus im Gewerbe", so Projektmitarbeiter Matthias Falter.

Verteidigung mit Witz und Ironie

Die Verteidigungsstrategien jüdischer Abgeordneter reichten von liberalem oder sozialdemokratischem Universalismus über nationalen Assimilationismus bis zu nationaljüdischen und zionistischen Gegenentwürfen: Liberale beriefen sich auf Gemeinsamkeiten mit der christlichen "Mehrheitsgesellschaft" sowie auf aufklärerische Werte wie Bildung, Menschenrechte und Gleichberechtigung, Sozialdemokraten betrachteten Antisemitismus als Übel des Kapitalismus, das erst in einer sozialistischen Gesellschaft überwunden werden könne.

Jüdische Abgeordnete beschränkten sich nicht nur auf die faktische Widerlegung der Vorurteile; sie betonten die besondere Staats- und Kaisertreue von Juden und Jüdinnen und bedienten sich des Witzes und der Ironie. So entgegnete der Jüdischnationale Benno Straucher auf den Zwischenruf "Ruhig, Jud!" des Abgeordneten Ernst Schneider: "Schweigen Sie, Christ! Sie sind auch nur ein Neujud!" (red)

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    Das Parlament in Wien

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