Schlaflos nicht nur in Athen

27. Jänner 2011, 20:38
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Die Toleranz für hohe Staatsschulden sinkt auch außerhalb der Eurozone

Es mag für Griechen, Iren und Portugiesen nur eine kleine Genugtuung sein, aber ein Trost allemal: Sie sind nicht mehr die Einzigen, denen die Finanzmärkte die Rückzahlung aller Staatsschulden nicht zutrauen. Die USA, der bei weitem größte Schuldner der Welt, geraten zunehmend ins Visier kritischer Analysen und nervöser Investoren. Und Japan, dessen Staatsverschuldung doppelt so hoch ist wie sein Bruttoinlandsprodukt, hat gerade die Schmach einer Rating-Verschlechterung durch Standard & Poor's erlitten.

Weder die USA noch Japan gelten als baldige Pleitekandidaten. Die Warnungen vor einem Staatsbankrott der USA, sollte das Schuldenlimit vom Kongress nicht in den kommenden Wochen angehoben werden, sind die Konsequenz eines Kräftemessens zwischen Barack Obama und den Republikanern und haben nichts mit der Zahlungsfähigkeit des Landes zu tun. Die USA haben zwar den Nachteil, dass sie ihre Budgetdefizite im Ausland finanzieren müssen, weil die eigenen Bürger zu wenig sparen, dafür verfügen sie aber immer noch über das größte Vertrauen und den leistungsfähigsten Finanzmarkt der Welt. Eine massive Flucht aus dem Dollar bleibt ein unwahrscheinliches Szenario.

Hinzu kommt, dass die meisten Ökonomen angesichts der schwachen Wirtschaft vor einer zu schnellen Budgetkonsolidierung in den USA warnen. Die Verlängerung der Steuersenkungen der Bush-Ära, verbunden mit neuen Staatsausgaben, hat die Defizitprognosen verschlechtert, die Wachstumsaussichten aber stark verbessert. Was sich die Märkte vor allem wünschen, wäre eine glaubwürdige Budgetsanierungsstrategie für die kommenden Jahre, einschließlich Anhebung der Steuereinnahmen und Reform des Pensionssystems. Aber dies erfordert eine Kultur der Vernunft und politischen Reife, von der man in Washington derzeit nicht einmal träumen kann.

Auch in Japan fehlt ein langfristiger Sanierungsplan, und die Politik in Tokio ist ebenso verkorkst wie in Washington. Dafür aber kann der japanische Fiskus auf seine braven Sparer zurückgreifen, die zu niedrigsten Zinsen die Staatsschulden finanzieren und dem Rest der Welt zusätzliches Kapital zur Verfügung stellen. Auch die hochverschuldeten EU-Staaten Italien und Belgien haben den Vorteil hoher Sparquoten, wobei es im integrierten europäischen Finanzmarkt ungewiss ist, ob die Bürger immer den eigenen Staatsanleihen treu bleiben.

Deshalb bleiben die Griechen und Iren die Hauptkandidaten für kommende Staatspleiten - und der Euro bleibt ganz oben auf der Watchlist der großen Anleger. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos zeigt sich, wie gering das Vertrauen in das Krisenmanagement der Eurozone ist. Das mag übertrieben pessimistisch sein, aber noch niemand konnte glaubwürdig erklären, wie die Euro-Peripherie aus dem Teufelskreis von Schulden, Rezession und Deflation herausfinden soll.

Und selbst wenn das gelingt, kann man fest davon ausgehen, dass nach der großen Staatsschuldenkrise, die der Finanzkrise gefolgt ist, Defizite nicht mehr so leichtfertig hingenommen werden wie zuvor. So wie Paul Volcker als Fed-Chef 1979 die Abkehr von der Inflationspolitik eingeleitet hat, findet dieser Tage ein weltweiter Paradigmenwechsel in der Finanzpolitik statt. Wir werden noch lange mit hohen Staatsschulden leben müssen - aber sie werden Anlegern und Politikern viele schlaflose Nächte bereiten.  (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.01.2011)

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