Citigroup-Chefökonom

"Es wird Staatspleiten in der Eurozone geben"

Lukas Sustala, 27. Jänner 2011, 18:02
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    foto: standard/hendrich

    Wilhelm Buiter: Österreichs Bankensystem ist zu groß

Willem Buiter warnt vor Staatspleiten in der Eurozone. Warum Österreichs AAA-Rating wackelt, erläutert er ebenso wie die Folgen für Banken

Standard: Seit 1948 ist kein Industrieland mehr pleitegegangen. Wird ein Euroland diese Serie durchbrechen?

Buiter: Nichts ist absolut sicher in menschlichen Angelegenheiten. Aber man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass es in den kommenden Jahren Staatspleiten in der Eurozone geben wird. Die zwei Länder, die gefährdet sind, sind Irland und Griechenland.

Standard: Dabei sind diese Länder unter dem Eurorettungsschirm.

Buiter: Der Rettungsschirm ist sehr schlecht ausgestaltet. Europäische Politiker mussten hohe Strafzinsen einführen, damit die deutsche Öffentlichkeit und die Verfassungsrichter an Bord bleiben. Der Rettungsschirm ist ein Apparat, der die sichere Insolvenz nur hinauszögert. Mit einem Zinssatz von 5,8 Prozent haben Länder wie Griechenland und Irland keine Chance, es aus dem Schuldenloch zu schaffen. Doch eine neue irische Regierung könnte das aktuelle Rettungspaket aufschnüren, und auch Bankgläubiger zur Kasse bitten, nicht nur die Steuerzahler. Niedrigere Zinsen im EU-Rettungspaket könnten ein Anreiz sein, die Umschuldung bei Bankanleihen hinauszuzögern. Hoffentlich wird Deutschland kompromissbereit sein.

Standard: Können das die aktuellen Vorschläge zum Rettungsschirm nicht ändern? Immerhin war die Reaktion am Markt doch sehr positiv.

Buiter: Ich sehe dafür keine Anzeichen. Die Märkte haben für einen Moment einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen. Aber das machen sie alle drei Monate. Portugal musste bisher noch nicht unter den Rettungsschirm. Das hat es mehr dem Zufall als der Planung zu verdanken. Die Europäische Zentralbank hat kräftig am Anleihenmarkt interveniert, dazu hat Portugal Schuldscheine bilateral platzieren können - bei reichen Staatsfonds aus dem Nahen und Fernen Osten. Portugal wird sehr viel mehr machen müssen, um den Rettungsschirm zu vermeiden. Jede Entwicklung, die die Märkte erschüttert, auch wenn es nur steigende Zinsen in den USA sind, wird auch Portugal treffen. Märkte sind ängstliche Kätzchen. Sie laufen weg, wann immer sie Gefahr wittern.

Standard: Doch nicht nur in Europas Peripherie sind Staatsschulden explodiert, auch in sicheren Staaten, die von Ratingagenturen mit AAA bewertet werden. Was sagen die Ratings noch aus?

Buiter: Ratingagenturen vergeben AAA-Ratings an Länder, die sie nicht verdienen. Die USA entsprechen nicht dem AAA-Gütesiegel. Großbritannien oder Frankreich auch nicht. Am ehesten verdient Deutschland das AAA. Aber selbst Deutschland hat eine Schuldenquote von 80 Prozent des BIPs.

Standard: Und Österreich?

Buiter: Verdient es auch nicht. Das Bankensystem ist zu groß. Der Staat ist gut aufgestellt, aber es reicht nicht, die Staatsfinanzen nur anhand der Schulden und des Defizits zu analysieren. Man muss sich auch ansehen, wie Probleme im Privatsektor in den Staatsbereich migrieren können.

Standard: Aber neue Regulierungen wie etwa Basel III bauen auf risikolosen Staatsschulden auf.

Buiter: Wir werden zu dem Status zurückkehren, der geschichtlich normal war. Staaten können pleitegehen. Dass Banken Staatsschulden nicht mit Eigenkapital hinterlegen, macht wenig Sinn. Aber die Banken werden ihre Kapitalausstattung ändern müssen.

Standard: Welche Bank wird dann Staatsschulden halten wollen?

Buiter: Eine berechtigte Frage. Man könnte Banken dazu zwingen, Staatspapiere zu halten. Geldinstitute wurden auch in der Nachkriegszeit verpflichtet, liquide Wertpapiere zu halten. Was war die legale Definition für „liquide Wertpapiere"? Staatsschulden, Staatsschulden, Staatsschulden.

Standard: Haben die Wirtschaftswissenschaften Lehren aus der Krise gezogen?

Buiter: Nein. Was wir erreicht haben, ist Folgendes: Wenn sich die vergangene Krise in derselben Form wiederholt, werden die Ökonomen sie rechtzeitig erkennen. Aber die nächste Krise wird ganz anders aussehen, und wir werden genauso überrascht sein. Wir lernen, aber wir lernen nicht zu prophezeien. Wir stellen jetzt gerade die Schutzwälle auf, die verhindern sollen, dass wir vergangene Fehler wiederholen.(Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.01.2011)

Willem Buiter (61) ist seit 2010 Chefökonom der US-Bank Citigroup. Der Makroökonom hat zahlreiche Lehrstühle innegehabt, zuletzt war er Professor für Politische Ökonomie an der London School of Economics. Zwischen 1997 und 2000 war er Mitglied des geldpolitischen Gremiums der Bank of England.

Kommentar posten
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immofuchs
00
Solchen Experten verdanken wir die Finanzkrise!

Agnostiker1
10
28.1.2011, 17:23
Bei einem Verzicht auf die in Wirklichkeit nicht überhöhten...

...5,8 % Zinsen, würde ja bei den betroffenen Ländern ein Lachen auslösen. Denn Sie kämen ja ungeschoren für Ihr Miißachten der ökonomischen Grundregeln davon.

Chris Quast
00
28.1.2011, 15:40

haha "Mit einem Zinssatz von 5,8 Prozent haben Länder wie Griechenland und Irland keine Chance, es aus dem Schuldenloch zu schaffen."

ist er traurig, dass sich griechenland nicht um 12-15% am markt verschulden muß. schließlich entgeht ihm ja da ordentlich geschäft, solange die eu brav dahinter steht und die staaten nicht pleite gehen lässt.

NaWerSagtsDenn
00
28.1.2011, 16:58
Exakt um die "Risikoaufschläge" geht es,

die mit seinem Geschwafel herbeigeredet werden sollen.

Aber Hauptsache in Übersee gibt es keine Pleitengefahr. Selbst der Versuch eines Hinweises darauf würde ihn den Kopf kosten.

Chris Quast
00
28.1.2011, 15:29

eigentlich müssten wir den herren mal erläutern, warum das citigroup´s rating nicht wackelte !

liegt es vielleicht daran, dass die mittelschichten dieser welt denen den arsch gerettet haben.

vielleicht sollte man die wirklich zerschlagen, so wie es schön früher mit ganz großen mächtigen konzernen in den usa geschah.

Selbständiger
05
28.1.2011, 14:26
Buiter : Man könnte Banken dazu zwingen, Staatspapiere zu halten

Sind wir also wieder einmal soweit? Jetzt müssen wir, wie schon einmal Zwangsanleihen von diebischen, korrupten und verschwenderischen Regierungen zeichnen, die wir uns dann als Tapeten an die Wand kleistern können. Ältere Semester werden sich noch daran erinnern können. Wohin das letztendlich führt ist auch vorgezeichnet. Das wählende Dummvolk hält mit ihren Stimmen die größten Verbrecher an der Macht und werden hinterher auch wie schon einmal dagesessen, von nichts gewusst haben.

Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte den Menschen nichts lehrt.

Wehrmann
10
Das wählende Volk

besteht in der Mehrzahl aus Parasiten, die vom Staat leben. Daher wählen sie nicht dumm, sondern schlau jene, die ihnen Geld aus Krediten auszahlen, welche andere zurückzahlen müssen. Kreisky hat damit begonnen und ist heute noch Sonnenkönig.

Benjamin Klein
03
28.1.2011, 14:10
Ein souveräner Staat

hat keine "Herrschaft" über seiner Zuständigkeit zu dulden! - Weiso also "Rating-Agenturen" die "Herrscher souveräner Staaten" vor sich hertreiben ist eigentlich wahnsinnig

Und das Ergebnis sind immer Profite für die Herrscher über diese Rating-Agenturen!

Also irgendwie steht die Welt Kopf und niemand wehrt diese Zustände ab!

Chris Quast
00
28.1.2011, 15:34

was eigentlich passieren würde wenn man die 3 großen ratingargenturen kauft, und sie zusperrt, oder nach seinen "ideen" fuhrwerken lässt.

alle 3 großen wären um ein vieles billiger gewesen als der rettungsschirm für griechenland und irland.

man hätte ja nicht mal die volle mehrheit gebraucht, also denke dass eine verdeckte aktion im rahmen der eu zusammen gebracht hätte.

mag ja nicht gänzlicher hokus-pokus sein was dieses ratingargenturen im auftrag ihrer herren produzieren, aber viel finanzvoodoo ist schon dabei.

Lalai Dama
01
31.1.2011, 13:24
Natürlich,

wenn ich zu dick bin, schmeiße ich einfach die Waage aus dem Fenster und schon passt es wieder

MedicalDioctonary
01
28.1.2011, 13:21
Kompetenz

nachdem die CityGroup einer der Mitauslöser der Krise war und trotzdem exzessive Boni an die "Spitzenleute " auch in der Krise und auch jetzt noch zahlt(e).
Verleiht es diesen Herrn besondere Kompetenz.

Heefcleeve
00
28.1.2011, 12:48
Märkte sind ängstliche Kätzchen. Sie laufen weg, wann immer sie Gefahr wittern.

Mei ist des süss.

luquas
13
28.1.2011, 12:16

Und jeden Tag wieder treib ein anderer Wunderwuzzi - der ja eh schon immer alles genau gewusst hat - eine neue Sau durchs Dorf.
Erbärmlich!

goldene mitte
00
28.1.2011, 11:49
im kurier steht,...

... er habe gemient es sei "geschichtlich normal" dass staaten pleite gehen.

nun, es ist in diesen größenordnungen zulässig zu antworten, dass es auch geschichtlich normal ist, dass abgehobene machhthaber vom volk verjagt werden.

R. M.
00
28.1.2011, 13:37
Das mit der geschichtlichen Normalität haben Sie messerscharf erkannt. ;-)

Lord Chaos
12
28.1.2011, 10:50
Das Bankensystem ist zu groß.

Das österreichische Bankensystem ist zu gross und deshalb kein AAA Rating?

Was für ein Rating würde dann die Schweiz bekommen? Oder Luxemburg? Lichtenstein?

Benjamin Klein
00
28.1.2011, 14:13
Der Rating-Guru furzzt, und die "Pseudo-Wichtigen" machen in die Hosen

Denen passt einmal die Größe der Banken nicht und ein andermal, dass es keine Banken gibt;

aber es geht auch ohne Banken,
ohne "Realwirtschaft" geht es nicht

Dreistein
 
02
28.1.2011, 12:28

Es geht hier nicht darum, wie hoch die Kundeneinlagen sind, sondern wie hoch die Ausleihungen, also die Kredite sind. Und hier haben sich unsere "Großen" im Osten etwas derhoben. Hätte der IWF den Ungarn und der Ukraine nicht unter die Arme gegriffen, stünde Österreich dank der Ersten und Raiffeisen genauso da wie Irland. Dass sich diese beiden jetzt am lautesten über die Bankenabgabe und die Besteuerung von Wertpapieren aufregen ist eine Dreistigkeit, die nur noch von einem Grasser mit seiner weissen Weste übertroffen werden kann.

bussi1
00
28.1.2011, 10:48
Untenstehende Verschwoerungstheorien

Liebe Freunde,

wenn man sich die postings ansieht - und Herrn Buiter, seine Analysen und wissenschaftlichen Arbeiten kennt - dann kann man die untenstehenden Kommentare nur als ausgeprochen unqualifiziert beurteilen. Herr Buiter hat seitdem er bei der Citi ist, einige sehr detailierte Analysen ueber die Schuldenfrage erarbeitet, die ich nur empfehlen kann zu lesen. Herr Buiter ist seit mehreren Jahrzehten einer der anerkanntesten und kritischsten Oekonomen, der weit entfernt ist von jedwelchem Schoenreden der momentanen Situation. Citi hat sich mit ihm einen der besten Koepfe in Forschung und Lehre geholt und der gute Mann jat sich bisher in keiner Weise vereinnahmen lassen. Mit mehr als 40 Jahren Academia wird das auch schwer sein.

Cafe Corretto
13
28.1.2011, 11:19
Das mag schon sein .

aber tatsache ist, dass wir diese ganzen Bank-, Wirtschafts- und Krämerfuzzis schon lange alle satt haben und nur die Erwähnung des Wortes "Experte" schon bei der halben Nation zu Brechreiz führt.

Der letzte große Experte, der den dummen Menschen die Welt erklärte war Greenspan und sein Subprime Geniestreich. Diese Experen werden einer nach dem anderen geschickt mit dem einzigen Ziel uns zu manipulieren und uns in eine den Banken genehme Richtung zu bewegen. Die Aufgabe der Experten ist es die Massen zu manipulieren. Leider lassen sich viele Menschen von deren Status beeinflußen, weil diese in ihren Sakkos rhetorisch wie die Unschuld vom Lande agieren. In Wirklichkeit sind sie Teil eines abgekarteten Plans.

bussi1
02
28.1.2011, 12:35
Politker sind die wahrhaftig ueberforderten Experten

Sehr geehrter Cafe,

Herr Buiter ist - soweit ich das erkennen konnte - keineswegs ein Unterstuetzer der Greenspan-Doktrin gewesen. Am schlimmsten sind Politiker, die dem Finanzsystem wieder jeglicher Logik enorme Steuergelder zufuehren. Diese opportunistischen Experten, die keine Ahnung von den Konsequenzen ihrer Handlungen haben, sind die groesste Gefahr. Baenker, die das ausnutzen handeln dabei nur rational. Wer freut sich denn nicht ueber ein paar Millionen, die man geschenkt bekommt. Politiker mit ihrem schmalen intellekt sind hier komplett ueberfordert.

Benjamin Klein
00
28.1.2011, 14:14
Der Staat hat die Hoheit des "Geldschöpfens" und wohl auch der "Geldvernichtung"

also wenn alle nur mehr Schulden haben, hilft eine neue Währung;

Dreistein
 
00
28.1.2011, 12:31

"Die Menschen fürchten sich heute nicht mehr so sehr vor dem islamistischen Terror, sondern vor ihrem Finanzberater". Frei nach Dieter Nuhr.

her mit den Strichen!
22
28.1.2011, 09:30
Zum Thema 'AAA'

* Wer Schulden hat, kann kein A-Rating haben, schon garn nicht 'AAA'

* Ab 50% Schuldenquote sollte bestenfalls 'BBB' vergeben werden

* Ab 75% ist eigentlich auch 'CCC' zu viel.

Seit Jahrzehnten vergeben die Agenturen Ratings, die jeder Volkswirt im 2. Semester recht einfach widerlagen könnte...

Benjamin Klein
00
28.1.2011, 14:16
ein Rating für

einfache Bürger, für Firmen und irgendwelche Organisationen --
aber doch nicht für STAATEN

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