"Hosni, geh - lass uns alleine!"

28. Jänner 2011, 10:15
59 Postings

Gespannte Ruhe vor Großdemo in Kairo

Nach drei Tagen hat sich in Ägypten ein Protestmuster herauskristallisiert. Am Tag bleibt es ruhig, in den Abendstunden ist der harte Kern auf der Straße. Für Freitag mobilisiert die Opposition für eine Großdemonstration.

***

Man konnte meinen, der ganze Spuk sei vorbei. Es herrschte eine gespannte Ruhe. In den Nachmittagsstunden des Donnerstags waren auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo kaum mehr Sicherheitskräfte zu sehen. Er gehörte wieder ganz den Autos. Alle Zufahrtsstraßen und Metroeingängen auf dem riesigen Platz waren offen. Nicht abgezogen waren die Polizisten in Zivil, die zwar keine Uniform tragen, an ihren stechenden Blicken, schlecht sitzenden Kleidern und ungehobelten Manieren aber zweifelsfrei zu erkennen sind. Sie waren für die schlimmsten Brutalitäten in den ersten Tagen verantwortlich, dutzendfach dokumentiert mit Handy-Kameras.

Die Hundertschaften an Bereitschaftspolizisten haben sich in die Seitenstraßen verzogen. Nur der Hauptsitz der Anwaltskammer war abgeriegelt. Einige Dutzend Anwälte versammelten sich auf ihrem eigenen Gelände. Es war ein stiller Protest. Auf Plakaten ihre zentrale Forderung: "Hosni, geh - lass uns alleine!"

"Heute ist es ruhig" , sagt einer der Antiquitätenhändler in seinem Geschäft am Tahrir-Platz, im TV läuft die Wiederholung einer Diskussionssendung vom Vorabend. Touristen sind allerdings auch keine da. "Was am Abend alles noch geschieht, das kann man nicht wissen" , fügt er achselzuckend hinzu. Die Jugendbewegung des 6. April hatte für Donnerstag zu weiteren Demos aufgerufen. Es sei noch nicht Feiertag, die Protestwelle dürfe nicht abebben, hieß es in ihrer Aufforderung.

Nach drei Tagen hat sich ein Demonstrationsalltag herauskristallisiert. Die ärgsten Auseinandersetzungen finden in den Abend- und Nachtstunden statt. Danach richtet sich auch die Bevölkerung. Schulen schließen früher, damit die Kinder rechtzeitig nach Hause kommen. In den internationalen Schulen, wo gutbetuchte Ägypter ihre Kinder hinschicken, fehlten in einigen Klassen jedoch bis zur Hälfte der Kinder.

Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung hat am Donnerstag an der Börse von Kairo einen Kurssturz ausgelöst, der mit über sieben Prozent so heftig war, dass der Handel für einige Zeit ausgesetzt wurde. Vor allem Ausländer haben ihre Papiere verkauft. Die Regierung trägt bisher nichts zur Beruhigung der Lage bei. Präsident Hosni Mubarak hüllt sich in Schweigen. Von seinem Sohn Gamal heißt es nun, dass er eine Sitzung der Regierungspartei NDP geleitet hat.

Besonders heftig sind bisher die Gewaltausbrüche in der Stadt Suez, 100 Kilometer östlich von Kairo. Dort gab es die ersten und bisher am meisten Tote. Auch am Donnerstag wurde wieder in Suez demonstriert und ebenso in der Stadt Ismailiya. In Sheikh Zoweid am Sinai wurde ein demonstrierender Beduine erschossen. Insgesamt ist die Zahl der Todesopfer landesweit auf sieben gestiegen. Es gab Hunderte von Verletzten und über 1200 Verhaftungen.

Donnerstagabend traf Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei aus Wien kommend in Kairo ein. Der ehemalige Chef der Atomenergiebehörde IAEO ist einer der führenden Oppositionellen und will sich auf Seite der Demonstranten stellen. Für Freitag wurde im Internet zum Protest einer Million Menschen nach dem Mittagsgebet aufgerufen. "Ich bin sicher, da gehen viele hin. Zum Glück ist Feiertag und wir haben geschlossen" , sagt der Antiquitätenhändler. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    David gegen Goliath: Demonstrant mit Schleuder

Share if you care.