Vorverlegter Auszug aus Afrika

27. Jänner 2011, 20:00
212 Postings

Es ist eine archäologische Sensation: Funde 120.000 Jahre alter Steinwerkzeuge auf der Arabischen Halbinsel deuten darauf hin, dass der Mensch sehr viel früher - und anders als gedacht - aus Ostafrika ausgewandert sein dürfte

Washington - Lange genug hat es gedauert, bis der Mensch draufkam, woher er eigentlich kommt. Seit zwei bis drei Jahrzehnten jedoch herrscht in der Wissenschaft weitgehender Konsens darüber, dass der Homo sapiens vor rund 200.000 Jahren in Afrika entstand und sich dann von dort aus über die Welt ausbreitete - so wie sein Vorgänger, der Homo erectus, fast zwei Millionen Jahre früher.

Doch wann und wo hat der Homo sapiens - also anatomisch moderne Menschen wie Sie und ich - Afrika verlassen und seinen Siegeszug um die Welt angetreten? Darüber debattieren Forscher seit Jahren. Die gängige Antwort lautete bis gestern: über die Halbinsel Sinai vor rund 70.000 Jahren.

Über Arabien nach Asien

Seit heute gibt es eine neue, überraschende Antwort: Der Homo sapiens dürfte bereits vor rund 120.000 Jahren über Arabien aus Afrika ausgewandert sein und von da weiter nach Asien. Diese spektakuläre These legen jedenfalls Grabungsfunde in den Vereinigten Arabischen Emiraten nahe, die heute ein Forscherteam in der Wissenschaftszeitschrift Science (Bd. 331, S. 453) vorstellt.

Die Archäologen rund um Simon Armitage vom Royal Holloway College der Universität London entdeckten an der Grabungsstätte Jebel Faya menschliche Steinwerkzeuge, die sie mittels der sogenannten Luminiszenzmethode auf ein Alter von 100.000 bis 125.000 Jahre datieren konnten. Überraschend an den Steinwerkzeugen war aber nicht nur das Alter, sondern auch ihre Form, wie Armitage erläutert.

Die gefundenen Werkzeuge - ein relativ primitives Beil sowie verschiedene Schaber und Locher - würden jenen der Menschen in Ostafrika ähneln. Sie seien aber nicht so kunstvoll behauen wie die Steine aus dem Nahen Osten. Das bestätigt auch Experte Philip Nigst vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, der nicht an der Studie beteiligt ist.

Bleiben zwei Fragen: Wie gelang es unseren Vorfahren, über das Rote Meer nach Arabien zu gelangen und dann von da weiter nach Südasien? Und ist es sicher, dass die Steinwerkzeuge wirklich vom Homo sapiens stammen? Die zweite Frage lassen die Forscher (noch) unbeantwortet. Sie präsentieren keine menschlichen Überreste, die darüber Aufschluss geben. Es könnten also theoretisch auch Nachfahren vom Homo erectus gewesen sein.

Bewältigbare Meeresengen

Auf die zweite Frage hingegen liefert die neue Untersuchung präzise Antworten. Das Team analysierte nämlich auch Daten über die Änderung des Meeresspiegels und des Klimas für die Region während der letzten Zwischeneiszeit vor etwa 130.000 Jahren. Die Wissenschafter kamen zum Schluss, dass die heute 27 Kilometer breite Meerenge Bab al-Mandab, die das Horn von Afrika von der Arabischen Halbinsel trennt, wegen niedrigerer Meeresspiegel enger war und zu Beginn dieser letzten Zwischeneiszeit einen sicheren Durchgang erlaubte.

Damals war die Arabische Halbinsel viel feuchter als heute, hatte mehr Pflanzenwuchs und war von Seen und Flüssen durchzogen. Eine solche Landschaft hätte es - wie auch Funde in den Höhlen von Qunf und Hoti belegen - den Menschen erleichtert, entlang der Küste durch Arabien zu gelangen und von dort zum fruchtbaren Halbmond und nach Indien. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. Jänner 2011)

  • Mögliche frühe Route von Ostafrika nach Indien. Der tiefere Meeresspiegel vor 
130.000 Jahren erleichterte die Auswanderung.
    foto: science/aaas - grafik: der standard

    Mögliche frühe Route von Ostafrika nach Indien. Der tiefere Meeresspiegel vor 130.000 Jahren erleichterte die Auswanderung.

  • Steinwerkzeug von Jebel 
Faya, das auf Ostafrika verweist.
    foto: science/aaas

    Steinwerkzeug von Jebel Faya, das auf Ostafrika verweist.

Share if you care.