Neue Ermittlungsakten belasten den Premier - Immer mehr Details über seine Partys werden publik
Ruby und kein Ende. Während Italiens Wirtschaft stagniert und die
Staatsverschuldung wächst, bleiben für die Medien die heißen Nächte des
Regierungschefs dominierendes Thema. Für neuen Gesprächsstoff sorgen weitere 230
Seiten Ermittlungsakten, die dem Parlament von den Staatsanwälten übermittelt
wurden.
Darin ist von einer weiteren Minderjährigen die Rede: aus
Handy-Aufzeichnungen der Brasilianerin Iris Berardi geht hervor, dass sie
mehrere Nächte in Berlusconis Villen in Arcore und an der Costa Smeralda
verbracht hat. Sie soll vom Premier 40.000 Euro und Schmuck erhalten haben.
Berlusconis Mitangeklagte Nicole Minetti wurde von den Staatsanwälten für
Dienstag zum Verhör bestellt. Ob sie der Aufforderung folgt, ist noch offen. Das
25-jährige Showgirl beklagt sich in einem Telefonmitschnitt bitter über
Berlusconi: "Dieser Scheißkerl will nur seinen Schlabberarsch in Sicherheit
bringen. Wenn er stürzt, stürzen wir alle."
Eine junge Araberin, die zu einem Bauchtanz nach Arcore eingeladen wurde,
zeigte sich im Verhör empört über den "obszönen Abend": "Die Mädchen haben sich
ausgezogen und Berlusconi hat sie überall betatscht." Bei Hausdurchsuchungen
beschlagnahmte Unterlagen geben Aufschluss über die hohen Summen, die zahlreiche
Showgirls vom Premier erhalten haben. Die 26-jährige Alessandra Sorcinelli
bezeichnete den erhaltenen Betrag von 115.000 Euro als "Unterstützung".
Einer der in Arcore als Leibwächter eingesetzten Polizisten klagte darüber,
dass er und seine Kollegen als Fahrer für weibliche Partygäste missbraucht
worden seien. Als "unerhört" kritisierte die Polizeigewerkschaft die Behauptung,
bei den Durchsuchungen in den Wohnungen von 14 Showgirls sei "rücksichtslos und
gewalttätig" vorgegangen worden.
Die Anwälte des Premiers übermittelten den Staatsanwälten ein Dossier der
Verteidigung, in dem 29 Entlastungzeugen ein idyllisches Bild der Abende in
Arcore zeichnen. Es habe sich um "friedliche Abendessen bei Wasser und Cola"
gehandelt. Der Premier wertet die "skandalösen Lügen" als "Sturm, der
vorübergeht."
Schreiduelle im Fernsehen
Die nach der Sexaffäre nur minimal gesunkenen Umfragewerte scheinen seine
Erwartung zu bestätigen. Mit einer Gegenoffensive will der Premier seinen
angeschlagenen Ruf aufpolieren. Der bekannte Journalist Gad Lerner wurde in
seiner Sendung vom Premier persönlich massiv beschimpft. In den TV-Talkshows
sind Schreiduelle an der Tagesordnung.
Mit Genugtuung reagierte Ministerpräsident Berlusconi am Mittwoch auf den
gescheiterten Misstrauensantrag der Opposition gegen Kulturminister Sandro
Bondi. Am Donnerstag startete das Rechtsbündnis im Senat eine Attacke auf
Gianfranco Fini. Außenminister Frattini erklärte, die Regierung des karibischen
Inselstaates S. Lucia habe ihm offiziell erklärt, dass Finis Schwager Giancarlo
Tulliani Eigentümer jener Wohnung in Monte Carlo sei, die von der Nationalen
Allianz verkauft worden sei. Für diesen Fall hatte der Kammerpräsident seinen Rücktritt angekündigt.
Kommentar Seite 32 (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2011)