"Obszöner Abend" mit Silvio Berlusconi

27. Jänner 2011, 17:27
74 Postings

Neue Ermittlungsakten belasten den Premier - Immer mehr Details über seine Partys werden publik

Ruby und kein Ende. Während Italiens Wirtschaft stagniert und die Staatsverschuldung wächst, bleiben für die Medien die heißen Nächte des Regierungschefs dominierendes Thema. Für neuen Gesprächsstoff sorgen weitere 230 Seiten Ermittlungsakten, die dem Parlament von den Staatsanwälten übermittelt wurden.

Darin ist von einer weiteren Minderjährigen die Rede: aus Handy-Aufzeichnungen der Brasilianerin Iris Berardi geht hervor, dass sie mehrere Nächte in Berlusconis Villen in Arcore und an der Costa Smeralda verbracht hat. Sie soll vom Premier 40.000 Euro und Schmuck erhalten haben.

Berlusconis Mitangeklagte Nicole Minetti wurde von den Staatsanwälten für Dienstag zum Verhör bestellt. Ob sie der Aufforderung folgt, ist noch offen. Das 25-jährige Showgirl beklagt sich in einem Telefonmitschnitt bitter über Berlusconi: "Dieser Scheißkerl will nur seinen Schlabberarsch in Sicherheit bringen. Wenn er stürzt, stürzen wir alle."

Eine junge Araberin, die zu einem Bauchtanz nach Arcore eingeladen wurde, zeigte sich im Verhör empört über den "obszönen Abend": "Die Mädchen haben sich ausgezogen und Berlusconi hat sie überall betatscht." Bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmte Unterlagen geben Aufschluss über die hohen Summen, die zahlreiche Showgirls vom Premier erhalten haben. Die 26-jährige Alessandra Sorcinelli bezeichnete den erhaltenen Betrag von 115.000 Euro als "Unterstützung".

Einer der in Arcore als Leibwächter eingesetzten Polizisten klagte darüber, dass er und seine Kollegen als Fahrer für weibliche Partygäste missbraucht worden seien. Als "unerhört" kritisierte die Polizeigewerkschaft die Behauptung, bei den Durchsuchungen in den Wohnungen von 14 Showgirls sei "rücksichtslos und gewalttätig" vorgegangen worden.

Die Anwälte des Premiers übermittelten den Staatsanwälten ein Dossier der Verteidigung, in dem 29 Entlastungzeugen ein idyllisches Bild der Abende in Arcore zeichnen. Es habe sich um "friedliche Abendessen bei Wasser und Cola" gehandelt. Der Premier wertet die "skandalösen Lügen" als "Sturm, der vorübergeht."

Schreiduelle im Fernsehen

Die nach der Sexaffäre nur minimal gesunkenen Umfragewerte scheinen seine Erwartung zu bestätigen. Mit einer Gegenoffensive will der Premier seinen angeschlagenen Ruf aufpolieren. Der bekannte Journalist Gad Lerner wurde in seiner Sendung vom Premier persönlich massiv beschimpft. In den TV-Talkshows sind Schreiduelle an der Tagesordnung.

Mit Genugtuung reagierte Ministerpräsident Berlusconi am Mittwoch auf den gescheiterten Misstrauensantrag der Opposition gegen Kulturminister Sandro Bondi. Am Donnerstag startete das Rechtsbündnis im Senat eine Attacke auf Gianfranco Fini. Außenminister Frattini erklärte, die Regierung des karibischen Inselstaates S. Lucia habe ihm offiziell erklärt, dass Finis Schwager Giancarlo Tulliani Eigentümer jener Wohnung in Monte Carlo sei, die von der Nationalen Allianz verkauft worden sei. Für diesen Fall hatte der Kammerpräsident seinen Rücktritt angekündigt. Kommentar Seite 32 (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    So sieht sich Italiens Premier wohl m liebsten: Berlusconi Superman, umringt von schönen Frauen. Die Sexaffäre hat sich kaum auf seine Umfragewerte ausgewirkt.

Share if you care.