Viele Armeen kämpfen mit Personalproblemen

27. Jänner 2011, 17:37
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Weil Freiwillige fehlen, schrauben einige Staaten Anforderungen für Rekruten runter

Wien - In 22 der 27 EU-Staaten und in 24 der 28 Nato-Staaten gibt es keine Zwangsrekrutierung von Soldaten mehr oder es sind entsprechende Beschlüsse gefasst worden. Doch nicht wenige der Freiwilligenarmeen kämpfen seit den Wehrreformen mit argen Personalproblemen.

In Spanien etwa wurden die geistigen Anforderungen an Rekruten gesenkt: Zuerst wurde der notwendige Intelligenzquotient von 90 auf 70 hinuntergeschraubt - übrigens die Grenze zur geistigen Behinderung -, bevor man den erforderlichen IQ doch wieder auf 80 angehoben hat. Trotz dieser niedrigen Standards und hoher Arbeitslosigkeit blieben Willige weiterhin aus, deshalb rekrutiert das Land auch in südamerikanischen Staaten und unter Frauen ohne Job.

Belgiens Armee vergreist

In Belgien wiederum vergreist die Armee, seit die letzten Wehrpflichtigen 1994 abgerüstet haben. Denn dem Berufsheer sind die Unteroffiziere und Offiziere erhalten geblieben, während sich immer noch zu wenig Junge melden. Wie Großbritannien heuert auch Belgien längst im Ausland Soldaten an.

In Schweden, dessen Reform sich Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) zum Vorbild genommen hat, obwohl diese erst vor einem guten halben Jahr eingeleitet worden ist, haben bisher weder Zeitungsannoncen, Großflächenplakate noch Kinospots viel ausrichten können. Seit dem Fall der Wehrpflicht läuft die Rekrutierung Freiwilliger nur schleppend an. Zum Jahreswechsel konnte von 5300 benötigten Mann nur die Hälfte angeworben werden. Auch in Stockholm tun sich mittlerweile Gräben zwischen dem Chef der Armee und dem Verteidigungsminister auf: Während Sverker Göransson Probleme bei der Rekrutierung einräumt und ausständige Regelungen wie Kollektivverträge für die künftigen Zeitsoldaten als Grund dafür benennt, streitet Sten Tolgfors jegliche Schwierigkeiten bei der Einführung des neuen Modells ab.

Seit dem Krieg im Irak und dem Einsatz in Afghanistan leiden auch die USA und die Briten unter Soldatenschwund - was beide Staaten mit unkonventionellen Methoden zu kompensieren versuchen. Die US-Armee nimmt mittlerweile Vorbestrafte, seit dem Jahr 2007 ist die Zahl der Ausnahmereglungen für Rekruten mit einem Vorstrafenregister um ein Viertel gestiegen. Großbritannien warb schon in Gefängnissen und unter Obdachlosen an.

Nicht zuletzt deswegen mahnen hierzulande vom Bundespräsidenten abwärts viele Heeresexperten ein, dass das Bundesheer durch die Wehrpflicht bis heute ein Spiegel der Gesellschaft ist - was sich bei einer Freiwilligenarmee deutlich ändern könnte.

Weniger vornehm haben es unlängst die heimischen Milizverbände ausgedrückt: Sie befürchten, dass sich ein Freiwilligenheer nur mehr aus "Randschichten, Unterschichten", wörtlich aus "Langzeitarbeitslosen, Haftentlassenen und Immigranten" zusammensetzen könnte. Denn wenn man mit Geld ködere, würden eben nur "Rambo-Patrioten" wegen der Waffen angelockt und "solche", die es am Arbeitsmarkt nicht schaffen. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2011)

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