Relativ Sanftes, Blautöne - und ansprechender Irrsinn

27. Jänner 2011, 17:15
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Neue Alben von Wire, Marianne Faithfull und Bill Orcutt

WIRE
Red Barked Tree

(Pink Flag / Trost)

Die britischen Gründerväter des bis auf das Fahrgestell reduzierten Minimal-Pop legen nach dem Weggang von Gitarrist Bruce Gilbert und dem enttäuschenden und deshalb längst vergessenen Album Object 47 mit dieser Songsammlung das möglicherweise sanfteste Werk ihrer Karriere vor. Repetition, Stop-and-go-Techniken und im Zweifel stures Beharren auf Arbeit statt Inspiration bedingen zwar nach wie vor ruppige Instant-Punk-Klassiker wie den zweiminütigen Song Two Minutes. Und auch textlich gibt vor allem Hauptaktivist Colin Newman nach wie vor den bescheuerten Straßenpredigerautomaten, bei dem die Plattennadel hängengeblieben ist: "Coffee is not a replacement for food and happiness." Man merkt diesen nachträglich auf dem Mischpult aufs Wesentliche eingeschlankten Songs allerdings doch sehr deutlich an, dass hier auf der akustischen Gitarre komponiert wurde und die exzentrischen Soundeffekte Bruce Gilberts schmerzlich fehlen. Das klingt immer noch um Häuserblöcke besser als die zahllosen Wire-Kopien, die heute Indiehausen bevölkern. Aber an späte Höhepunkte wie die Read & Burn-Serie oder gar Klassiker wie das Meisterwerk 154 kommen diese Stücke nicht heran. (schach)

MARIANNE FAITHFULL
Horses And High Heels

(Naive/Lotus)

Marianne Faithfull ließ sich für ihr neues Album Horses And High Heels von New Orleans inspirieren. Dort nahm sie mit lokalen Musikern eine erlesene Sammlung von Fremdkompositionen und einigen eigenen auf. Die Grundstimmung des Big Easy ist zwar auszunehmen, Madame Faithfull ist aber dann am besten, wenn sie die Stücke in Blautönen anrichtet. Schon der Einstieg ist da ein Traum: The Stations von den Gutter Twins (Greg Dulli und Mark Lanegan) wird als zartbittere Elegie gereicht. No Reason von Jackie Lomax rumpelt als scharf gewürztes Gumbo aus der Jukebox, in Gee Baby torkelt die Diva in Richtung Table-Dance bevor sie für Goin' Back ihr Oberkleid neu justiert. Ein schönes, ein atmosphärereiches Album, für das gegen Ende gar Lou Reed ein paar Mal in die Saiten greift. (flu)

BILL ORCUTT
A New Way To Pay Old Debts

www.editionsmego.com

Der Gitarrist der legendären US-Noiserock-Spinner Harry Pussy veröffentlichte im Vorjahr unter weitgehendem Ausschluss der Weltöffentlichkeit dieses Meisterwerk des ansprechenden Irrsinns im Eigenverlag auf Vinyl. Jetzt liegt es, um einige Bonustracks erweitert, auch im CD- und Downloadformat bereit, um unschuldige Kinderseelen mit der Musik des Teufels zu verderben. Bill Orcutt stellt mit einer viersaitigen akustischen Gitarre daheim in der Küche der historischen Gemeinsamkeit von Blues und Punk nach. Es kreischt, es zerrt, die Milch wird sauer. Das Telefon läutet, ein Bottleneck zischt über die Saiten, das Aufnahmegerät läuft. Irgendwo in der Mitte von improvisierten Freakouts eines Eugene Chadbourne und Jon Spencer auf Amphetaminentzug erklingt hier eine radikale Form elektronisch unbeleckter, großteils instrumentaler Brutalität, die eines deutlich macht: Blues klingt immer noch gefährlich, wenn man ihn entsprechend radikal interpretiert - und exekutiert. Groß. (schach, DER STANDARD/RONDO - Printausgabe, 28. Jänner 2011)

  • Colin Newman, Graham Lewis und Robert Gray alias Wire. File under: 
Gründerväter der Moderne.
    foto: pink flag

    Colin Newman, Graham Lewis und Robert Gray alias Wire. File under: Gründerväter der Moderne.

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