Federer scheitert an gnadenlosem Djokovic

27. Jänner 2011, 12:37
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Ein quirliger Serbe gewinnt gegen King Roger glatt in drei Sätzen und erwies sich als der klar bessere Spieler - Nun trifft Djokovic im Finale auf Murray oder Ferrer

Melbourne - Heute half Roger Federer nicht einmal eine Nachdenkpause. Nach dem zweiten Satz ging der Schweizer „Maestro" aufs Klo, mit einem 0:2-Satzrückstand im geistigen Gepäck. Nach verrichtetem Geschäft kehrte er auf den Platz zurück und verlor das Halbfinale der Australien Open gegen Novak Djokovic mit 6:7, 5:7 und 4:6. Die Pause hat also nichts genützt. Und Federer muss damit weiter auf seinen fünften Titel in Melbourne warten. Was hätte er anders machen können? Warum hat ihn sein Aufschlag im Stich gelassen? Warum hatte er keine funktionierende Rückhand im Tiebreak? Und wieso hat er nur drei von zehn Breakchancen genutzt?

Vielleicht hätte Roger Federer auch einfach nichts anders machen können. Weil Novak Djokovic unglaublich sicher agierte, kaum Fehler machte und Federer das Spiel über dessen heute schwächelnde Rückhand aufzwang. "Das war eines der besten Matches, die ich seit einer Weile gespielt habe", sagte der Sieger nach seinem Auftritt.

Im ersten Satz lag die höhere Fehlerdichte eindeutig beim Schweizer, im Break-Festival des zweiten Satzes sah es zwar lange so aus, als würde Federer in Sachen Speed und Kraft zu Djokovic aufschließen. Immerhin führte der Titelverteidiger 5:2, nachdem der Serbe bei einem der vielen sehenswerten Ballwechsel gestürzt war und seine Schuhe wechseln musste. Doch Djokovic kämpfte sich zurück, gewann noch 7:5. Seine Rückhand hatte eine gnadenlos gute Länge über fast die gesamte Matchdauer und er blieb extrem geduldig. Insgesamt trennten die beiden Kontrahenten nur wenige Punkte (119 zu 111), allerdings war es  Djokovic vorbehalten, die wichtigen zu machen. 

Federer nicht in Galaform

Die Machtverhältnisse im Herren-Tennis verschieben sich, zumindest bei den heurigen Australien Open. Es wird keinen "Rafa Slam" und auch keinen "Grand Slam" für Roger Federer geben. Der Schweizer ist ebenso wie Rafael Nadal gescheitert. Erst zum vierten Mal seit 2004 findet damit ein Major-Finale ohne Beteiligung der beiden Tour-Dominatoren statt. Dabei wollte Federer heuer zu alter Dominanz zurückkehren, hatte er doch 31 der letzten 33 Spiele gewonnen, davon 15 in Folge und gegen alle Großen (Nadal, Djokovic, Söderling, Murray). Des Königs Auftritt in Melbourne war jedenfalls alles andere als souverän, nach seinem großen Wackler gegen Gilles Simon in der zweiten Runde und seiner durchwachsenen Leistung gegen Robredo erschien Federer als nicht unbezwingbar.

Djokovic hat sich hingegen gesteigert, vielleicht wurde die Euphorie über den Daviscup-Sieg Serbiens ins neue Jahr mitgenommen, vielleicht ist der "Djoker" auch nur motivierter, wenn ihm seine Doppelpartnerin Ana Ivanovic beim Spielen zuschaut. Bezwungen hat er Federer bereits bei den US Open im vergangenen Jahr im Halbfinale. Im 20. Duell der beiden Topspieler feierte der Serbe, der bei den Australien Open seinen bisher einzigen Major-Titel geholt hat, nun trotzdem erst den siebenten Sieg. Im Finale geht's am Sonntag nun gegen Sieger des zweiten Halbfinales zwischen dem bärenstarken Andy Murray (GBR/5) und Nadal-Bezwinger David Ferrer (ESP/7). "Ich werde mir das Spiel im Bett mit etwas Popcorn ansehen", meinte Djokovic unmittelbar nach dem Finaleinzug.

"Natürlich bin ich sehr enttäuscht, aber Novak war heute einfach der bessere Spieler", sage Federer nach seinem bitteren Ausscheiden. "Es war ein Spiel mit sehr hoher Intensität, Novak hat die wichtigen Punkte einfach besser gespielt." So muss King Roger auf Paris warten, wo er aufgrund der klaren Favoritenrolle Rafael Nadals sicherlich nicht erster Sieganwärter sein wird. Oder vielleicht doch lieber auf Wimbledon. Es könnten lange fünf Monate werden für das Schweizer Tennis-Genie. (Florian Vetter, derStandard.at, 27.1.2011)

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    Ein Sieg, der vielleicht nicht gleich zu fassen ist.

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    Hatte in kritischen Momenten immer gute Schläge parat: Novak Djokovic.

  • Hatte in kritischen Momenten nicht immer gute Schläge parat: Roger Federer.
    foto: epa/david crosling

    Hatte in kritischen Momenten nicht immer gute Schläge parat: Roger Federer.

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