24 Stunden sind kein Tag

27. Jänner 2011, 12:02
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Zu der Online-Premiere des Films "Life in a Day" heute nacht

In der kommenden Nacht um 2 Uhr früh MEZ kommt es zu einer ungewöhnlichen Premiere: Der Film "Life in a Day" von Kevin MacDonald wird via Youtube vom Sundance Filmfestival in alle Welt verbreitet, in einem Ereignis globaler Gleichzeitigkeit, dessen Zeitpunkt sich an der Prime Time am Donnerstagabend in Utah im Westen der USA bemisst (dort findet die Premiere also kalendarisch früher statt).

Die entsprechende Youtube-Website ist hier, dort ist der Film ab zwei Uhr heute Nacht zu sehen.

Schon seit einiger Zeit finden sich auf diesem eigens eingerichteten Kanal auf dem Videoportal verschiedene Teaser und ein Countdown, der dem in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerten Event die gebührende Bedeutung zu verleihen versucht. Mit diesem ersten wirklich groß angelegten Versuch eines user-generierten Kollektivfilms zielen die Initiatoren auf ein aus Schnipseln generiertes Panorama dessen, was an einem Tag auf der ganzen Welt so passiert. Damit steigern sie das Prinzip, das mit "Der Mann" mit der Kamera" (wörtlich: Der Mann mit dem kinematografischen Apparat, 1929) kanonisch etabliert wurde, ins fast schon maximal Mögliche (man könnte ja auch noch Satelliten- und CCTV-Bilder hinzuziehen, dann hätte man eine noch größere Auswahl).

Was die "Regie" betrifft, so ist diese hier in bezeichnender Weise auf zwei Figuren verteilt: Ridley Scott hat wohl eher so etwas wie eine Patenschaft übernommen, während die eigentliche Gestaltung von "Life in a Day", also die Montage, unter der Leitung von Kevin MacDonald stattfand (von dem demnächst, kleine Old-School-Ironie, der Sandalenfilm "Die Adler der neunten Legion" in die Kinos kommt).

Am 24. Juli des vergangenen Jahres wurden all die kleinen Filme gedreht, aus denen nun ein neunzigminütiges Extrakt gezogen wurde, das in Sundance und bald darauf bei der Berlinale auch eine ganz normale Festival- und später eine Kinoauswertung erfahren soll. Das Ausmaß des Bonusmaterials bei einer späteren DVD- oder VOD-Auswertung lässt dann noch alle Möglichkeiten des Exzesses: Man könnte Regional- und Privatversionen schneiden, am besten wäre es, man würde ein Schnittprogramm direkt an die Endverbraucher weitergeben und hätte dann irgendwann so viele Versionen, dass man wieder beim üblichen Durcheinander von Youtube selbst wäre.

Interessanter als die Autorenfrage ist bei "Life in a Day" aber natürlich die technische bzw. die davon nicht zu trennende kommerzielle. "Man könnte das Projekt als Marketingnummer abtun, mit der zwei Konzerne - Google und LG - ihre globale Markenmacht auf leicht durchschaubare Weise mit der Schwarmkreativität heutiger Netzkultur affilieren wollen", schrieb Simon Rothöhler schon im Juli in einem Kommentar im Freitag: "Als Vorhaben eines vorgeblich basisdemokratischen sozialen Filmemachens mit Zeitkapsel-Output wird die Aktion lanciert, als sei der entscheidende Punkt nicht die festivalprämierte Selektion. (...) Hinter der Rhetorik des Internets als Selbstrepräsentationsmedium für alle verbirgt sich bekanntlich ein Machtkampf um die Technologien, die es für uns vorstrukturieren - also auswählen, welcher Content überhaupt gefunden werden kann. Dass die dem Suchprozess vorausliegenden Exklusionen und Asymmetrien nicht einfach aufgehoben werden können, indem man, wie im 'Life in a Day'-Projekt vorgesehen, 500 Digitalkameras nach Afrika schickt, versteht sich von selbst. Immerhin zeigt die herrschende Pseudo-Globalität hier recht unverblümt ihr wahres, nämlich neoimperialistisches Gesicht. Das Leben der Welt an einem Tag im Juli 2010 sortiert sich entlang einer Linie der kommunikativen Erreichbarkeit. Regionen, die nicht online sind, leben nicht in jener Welt, die in Sundance ihren kreativen Individualismus, ihre Vielfalt 'von unten' feiern wird."

Zur Vorbereitung auf "Life in a Day" könnte man sich mit einem film- und medienhistorisch reflektierteren, konzeptuellen Projekt beschäftigen, das kuratorisch strukturiert ist: Die Künstlerin Perry Bard hat auf dziga.perrybard.net ein globales Remake von Dziga Vertovs "Der Mann mit der Kamera" initiert, das eher einer Logik der Einschreibung gehorcht. Bard hat den berühmten sowjetischen Montagefilm in seine Einstellungen unterteilt, und nun findet man auf der Website jeweils unterschiedlich viele neue Versionen. Zu der Schienenszene Nummer acht , deren Dauer mit 81.83 Sekunden oder 2455 Kadern angegeben wird, gibt es beispielsweise 16 Uploads, darunter welche aus Vietnam und Rumänien.

Dieser digitale "Man with a Movie Camera" legt all das offen, was bei "Life in a Day" hinter der Benutzeroberfläche von Youtube verschwindet - jeder Bearbeitungsschritt wird in seinen Parametern genau dargelegt, und die digitale Version der Vielen ergibt auf diese Weise nicht einfach ein beliebiges Neues, sondern die spezifische Fortschreibung eines Projekts, das schon an seinem Ursprung genau auf die Spannung zwischen Ausschnitt und Totalität zielte. Inwiefern diese Spannung in der Montage von Kevin MacDonald bei "Life in a Day" noch erkennbar sein wird, wird sich weisen.

CARGO - Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at/Kultur bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

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    Perry Bard hat ein globales Remake von Dziga Vertovs "Der Mann mit der Kamera" initiert

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