Haaa-Tschiii - Ist Niesen gefährlich?

  • Winzige Fremdkörper werden mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 180 
Stundenkilometer aus Nase und Mund geschleudert.
    foto: apa/uk & ireland out

    Winzige Fremdkörper werden mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 180 Stundenkilometer aus Nase und Mund geschleudert.

Viele Mythen um den Schutzreflex entbehren jeglicher Grundlage - Photische Nieser kitzelt Licht in der Nase

Tief einatmen, kurz die Luft anhalten, Augen zu und anschließend den Atem über Mund oder Nase explosionsartig ausstoßen. Diese Beschreibung ist keine Anleitung für eine neue Yoga-Übung, sondern ein allseits bekanntes Phänomen. „Haaa-Tschiii" - Die akustische Begleitung verrät, worum es sich dreht. 

Niesen ist ein spontaner unkontrollierbarer Fremdreflex, der über den V. Hirnnerv (Nervus trigeminus, Anm.Red.) vermittelt wird. Er wird nicht nur durch Schnupfen oder Allergien ausgelöst, sondern auch zwischendurch, wenn eine Reinigung der Nase von Nöten ist. Fühlt sich das Riechorgan von Pollen, Staubpartikeln oder Mikroorganismen belästigt, dann spielt sich die Befreiung davon,, wie beschrieben ab. Die physiologische Abfolge des Niesens ist nicht restlos geklärt. Vermutlich aber verkrampft sich in der „Tschii-Phase" plötzlich die Ausatmungsmuskulatur, während gleichzeitig das Gaumensegel (weicher Gaumen, Anm.Red.) angehoben wird um die Verbindung zwischen Nase und Rachen zu unterbinden. Das Resultat: Winzige Fremdkörper werden mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 180 Stundenkilometer aus Nase und Mund geschleudert. Unter dem hohen Druck der entweichenden Luft, öffnet sich schlagartig auch die im Kehlkopf befindliche Stimmritze und erzeugt dabei das klangvolle „Tschi".

Drohender Herzstillstand?

Das Niesen dient also dem Erhalt der Gesundheit, indem es vor eindringenden Reizstoffen schützt. Damit wäre zu diesem natürlichen Reflex alles gesagt, gäbe es nicht so viele Mythen, die sich darum ranken. 

Sämtliche Körperfunktionen, so auch das Herz, halten während des Niesens angeblich für einen Augenblick inne. Einige Menschen vermuten, dass sich die Augen deshalb nicht offen halten lassen, weil sie sonst aus den Augenhöhlen heraustreten würden. Und auf keinen Fall, so wird unter anderem behauptet, soll der Reflex versuchsweise unterdrückt werden, da sich der Druck sonst bis in das Gehirn fortpflanzt und dort Nervenzellen vernichtet. 

Die wissenschaftliche Literatur gibt über den Niesreflex leider nicht allzu viel her. Ein paar Spekulationen lassen sich jedoch bereits mit dem Hausverstand aus der Welt räumen. Beispielsweise kann man davon ausgehen, dass Niesen mit zugehaltener Nase zu keinem Hirnschaden führt, da es abgesehen von einer nervalen, keine anatomische Verbindung zwischen Gehirn und Nase gibt. Jedoch und das geben HNO-Experten zu bedenken, existiert eine Verbindung zum Mittelohr, wo der weitergeleitete Druck am Trommelfell Schaden anrichten kann, oder aber Krankheitserreger , die dorthin gelangen, Infektionen verursachen können. 

Die Angst vor einem drohenden Herzstillstand ist unbegründet. Allerdings bringen die veränderten Druckverhältnisse im Brustkorb während des Niesens, das Herz mitunter tatsächlich für einen Moment aus dem Takt. Die Betroffenen erleben diese Unregelmäßigkeit vielleicht als Flattern oder Stolpern. Lebensbedrohlich ist diese Situation aber nicht, die Herzfrequenz normalisiert sich im Normalfall sofort nach dem Niesen.

Photische Nieser

Kein Mythos, sondern wissenschaftlich untersucht, ist das sogenannte photische Niesen. Sonnennieser nennen sich Menschen, die auch beim Blick in künstliches Licht plötzlich zu niesen beginnen. Der Schweizer Neurophysiologe Nicolas Langer hat sich mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und interessante Aspekte herausgefunden: „Bei der Betrachtung von Schachbrettmustern, deren Felder in rascher Folge von schwarz auf weiß wechselten, hat sich gezeigt, dass die visuellen Hirnareale von Sonnenniesern aktiver sind". In einem zweiten Experiment setzten er und sein Team die Probanden besonders starken Lichtreizen aus. Das Ergebnis: Die dadurch aktivierten Hirnareale waren ident mit den sensorischen Arealen, die aktiviert werden wenn ein Grashalm in der Nase kitzelt. Zusätzlich wurden außerdem Gehirnbereiche aktiviert, die sich auch in früheren Schmerz- und Ekelstudien fanden. „Wir interpretieren dieses Ergebnis so, dass das Kribbeln in der Nase offenbar eine unangenehme Reaktion auslöst", ergänzt der Schweizer Experte.

Die Theorie, dass Menschen mit verkrümmter Nasenscheidewand eher zum Sonnenniesen neigen, kann Langer bestätigen: „Hier geht man davon aus, dass zwei Hirnnerven sehr dicht beieinander liegen und das Nervensignal vom optischen Nerv, der Licht empfängt, auf den Trigemninusnerv, der das Niesen auslöst, überspringt. Unsere Studie widerspricht dieser Annahme nicht, jedoch konnten wir beweisen, dass auch im Großhirn etwas passiert".

Autofahrer aufpassen

Was auch immer der Laie mit all diesen Informationen anzufangen vermag, zumindest zeugen sie von keiner Gefahr, die vom Niesen ausgehen könnte. Gänzlich ungefährlich ist Niesen aber nicht. Die Verknüpfung Niesen und geschlossenen Augen lässt Fahrzeuglenker manchmal für den Bruchteil einer Sekunde praktisch blind durch die Gegend fahren. Wer allerdings gerade kein Auto lenkt, der darf das Niesen durchaus genießen. Es befreit und nebenbei ist es auch noch ein sehr individuelles akustisches Vergnügen. (derStandard.at, 16.02.2011)

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