Kleine Philosophie zur Kartografie von Mahony in der Galerie Layr Wuestenhagen
Wien - Reisen
erweitert den Horizont, sagt man und meint damit wohl auch die kleinen
Korrekturen, die man in unseren subjektiven Kartografien der Welt
anfertigt. Eine 21 Tage dauernde Atlantiküberquerung der Gruppe Mahony
auf einem Containerschiff war in diesem Sinne ein sehr konkretes
Befahren und Überschreiten von Grenzen, ein Erkunden von globalen
Warenrouten und Migrantenströmen, die sich 2010 im Ausstellungsprojekt Kim Sunn Sinn niederschlug.
In ihrem neuesten
Ausstellungsprojekt in der Galerie Layr Wuestenhagen schlägt das nun von
vier auf drei Mitglieder geschrumpfte Künstlerkollektiv (Clemens
Leuschner, Stephan Kobatsch und Jenny Wolka; Andreas Duscha schied aus)
abstraktere Reiserouten ein, die diese Landkarten, Vorstellungen von
Welt und Grenzziehungen nicht an bestimmten Orten vertauen.
So sind auch die Betonschollen, die Mahony als diskreten Stapel und diskrete Fläche
auf den Galerieboden geschlichtet oder zu einer Art Landkarte
ausgebreitet hat, kein Hinweis auf die Arktis, sondern eher graue
Bröckchen Niemandsland. Zwei gleich große Flächen, die nur die
Perspektive, bzw. ihr Arrangement so unterschiedlich wirken lassen.
Und auch die
Landschaften im Hintergrund sind nicht so eisig, wie sie scheinen. Es
sind überdruckte Fotos von Berglandschaften im Osten Europas: Hie und da
drängt sich ein Stückchen Stacheldraht ins Bild, ein einsamer Soldat,
vereinzelte Objekte, ein Autowrack. Die Grenze zwischen Himmel und Erde
ist selbst gezogen: aus Farbschichten von Grau und Weiß, die das
Darunterliegende wie unter einer dünnen Schneeschicht erahnen lassen.
Wie der Ausstellungstitel seeing wrong or not seeing andeutet,
geht es um falsche (An-)Sichten der Welt und um Unsichtbares, wie etwa
die ausgepixelten Flächen der über das Internet global zugänglichen
digitalen Kartografien. Das, was man nicht kennt oder nicht sehen darf,
wird zum Pixelwald. Weiße Landkarten für blinde Flecken gibt es schon
lange nicht mehr. Im Mittelalter ließ der Kartograf ebendort
feuerspeiende Monstren aus dem Meer auftauchen. Mahony hat diese
materialisiert und freigelassen. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2011)