"Die Prioritäten im Leben verschieben sich"

26. Jänner 2011, 19:58
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Nach neun Jahren in der Bundesliga beendet Linz-Stürmer Christoph Ibounig seine Karriere. Im Interview mit Hannes Biedermann blickt er zurück, in die Zukunft und auf Erkenntnisse aus seiner Laufbahn.

Im November trennte sich der EHC Linz von Christoph Ibounig, Fabian Ecker und Andreas Reisinger, um sich im Punktekontingent Platz für die Verpflichtung von Justin Keller zu schaffen. Während die beiden Letztgenannten bei Nationalliga-Klubs untergekommen sind, beendete der gebürtige Klagenfurter seine Karriere. Im Interview mit Hannes Biedermann spricht Christoph Ibounig über seine Laufbahn, seine Erfahrungen und veränderte Prioritäten im Leben.

derStandard.at: Herr Ibounig, es ist knapp zwei Monate her, dass Sie vom EHC Linz aus dem Kader gestrichen und abgemeldet wurden. Wie überrascht waren Sie damals über diesen Schritt?

Ibounig: Zunächst muss man sagen, dass wir einen sehr schlechten Start in die Saison hatten, der Verein also dazu gezwungen war, zu reagieren. Nach dem Tausch von Eric Healey und Jason Ward hat man Justin Keller zum Try-Out geholt, er hat sich schnell bewährt und viele Tore erzielt. Von daher war es zu erwarten, dass sein Vertrag bis Saisonende verlängert wird, der Verein sich aufgrund der Punkteregel also von Spielern trennen wird müssen.

derStandard.at: Einer dieser Spieler waren letztendlich Sie.

Ibounig: Ja. Es gab schon zuvor verschiedene Gerüchte, unterschiedliche Szenarien, wie der Verein vier Punkte im Kontingent frei bekommen könnte. Entschieden hat man sich dann nach dem Heimspiel gegen Székesfehérvár Ende November. Als am Tag darauf mein Telefon läutete und der Manager am anderen Ende der Leitung war, war mir schnell klar, dass es mich treffen würde.

derStandard.at: Wie enttäuscht ist man als Spieler, wenn man von seinem Klub vor die Türe gesetzt wird?

Ibounig: Ich habe das zunächst gar nicht so richtig realisiert, war in erster Linie überrascht. Natürlich war ein wenig Enttäuschung vorhanden, schließlich habe ich mich in Linz sehr wohl gefühlt. Allerdings ist es für mich völlig verständlich, dass der Verein nach diesem Saisonstart handeln musste. So sind die Gesetze des Profisports, das hatte ich zu akzeptieren. Von daher gibt es auch absolut kein böses Blut zwischen dem Klub und mir.

derStandard.at: Seither sind neun Wochen vergangen, Sie stehen noch ohne Verein da und das Ende der Transferzeit nähert sich. Wie sieht Ihre sportliche Zukunft aus?

Ibounig: Ich bin jetzt Mitte zwanzig, das Leben verändert sich, die Prioritäten verschieben sich. Das Kapitel Profieishockey ist für mich nun abgeschlossen, ich orientiere mich beruflich neu. Diesen Gedanken trage ich schon etwas länger mit mir herum, die Überzeugung, etwas Anderes, Neues zu beginnen, reifte bereits in den vergangenen Monaten. Natürlich hätte ich die Saison gerne zu Ende gebracht, noch ein, zwei Jahre Eishockey gespielt, aber dazu kam es eben nicht mehr.

derStandard.at: Karriereende mit 25, fühlt man sich da auch als Opfer des Systems?

Ibounig: Ganz generell ist es schon auffällig, dass in den letzten Jahren immer wieder österreichische Spieler in die zweite und dritte Liga wechseln oder sogar ganz aufhören mussten. Da geht es natürlich nicht um die Torjäger und Stars, das betrifft eher die sogenannten Arbeiter-Typen in den hinteren Linien. Hier ist das System durchaus hinterfragenswert. Ich persönlich sehe mich aber nicht als Opfer, denn ich weiß, dass ich in der Vergangenheit mein Potential nie ganz ausgeschöpft habe, also für diese Entwicklung auch selbst verantwortlich bin.

derStandard.at: Sie haben an sechs Nachwuchs-Weltmeisterschaften teilgenommen, waren in der Jugend einer der stärksten österreichischen Spieler Ihres Jahrgangs. Warum gelang es Ihnen nicht, auf dieser Basis eine große Karriere aufzubauen?

Ibounig: Ich bin mit 15 direkt aus der Kabine der Schülermannschaft in jene der Kampfmannschaft übersiedelt. Das ist klarerweise eine große Auszeichnung und eine Bestätigung, auf der anderen Seite aber auch etwas, mit dem man erst lernen muss umzugehen. Ich bin ein eher sensibler Spieler und mir ist dieser Switch nicht ganz so geglückt. Die Leichtigkeit war weg und dieses Manko bin ich nie wieder richtig losgeworden.

derStandard.at: Nur drei Mal in der Geschichte des Eishockeys nahm eine österreichische Mannschaft an den World Juniors teil, Sie waren 2004 im Team für diese A-WM in Finnland mit dabei.

Ibounig: Das war ein großartiges Erlebnis, von dem wir alle sehr profitiert haben. Ein tolles Turnier, volle Hallen und enorm starke Gegner. Aber Spieler wie Crosby und Ovechkin haben uns dort auch deutlich unsere Grenzen aufgezeigt.

derStandard.at: Finnland kannten Sie schon vorher, Sie spielten in der Saison 2002/03 im Nachwuchs von Ilves. Wie kam es dazu, dass Sie schon in so jungen Jahren ins Ausland wechselten?

Ibounig: In den ersten eineinhalb Jahren in der Kampfmannschaft des KAC erhielt ich nur wenig Spielanteile. Ich hatte das Gefühl, dass es für mich gut wäre, es für ein Jahr in einer starken Nachwuchsliga zu versuchen. Jorma Siitarinen, der im U16-Nationalteam mein Coach war, vermittelte den Kontakt nach Tampere und ich spielte dort dann gemeinsam mit Martin Mairitsch. Eine gute Erfahrung, denn das finnische Juniorenhockey ist von besonderer Qualität.

derStandard.at: Für den KAC und Linz standen Sie später in 385 Bundesligaspielen am Eis. Welche Erlebnisse blieben Ihnen in besonders guter und freudiger Erinnerung?

Ibounig: Am stärksten bleibt sicherlich die Erfahrung verankert, ganz allgemein Teil einer Mannschaft gewesen zu sein. Ein Team, das für die Verwirklichung gemeinsamer Ziele arbeitet, gute Freundschaften, die sich zu Mitspielern entwickeln - das ist das Wichtigste, das ich mitgenommen habe. Schöne Erinnerungen sind natürlich auch der Meistertitel mit dem KAC im Jahr 2004 oder die letzte Saison mit dem EHC Linz, wo es für mich persönlich sehr gut lief und auch der Teamspirit großartig war.

derStandard.at: Am Ende einer Karriere bleibt aber auch die eine oder andere Enttäuschung hängen.

Ibounig: Ja, zum Bespiel, dass wir es im Vorjahr am Ende doch nicht ganz geschafft haben, den Meistertitel zu holen. Persönlich bin ich auch ein wenig unglücklich darüber, dass ich meinen Kampf der letzten Jahre, endlich mein volles Potential auszuschöpfen, letztlich nicht gewonnen habe. Ich würde es nicht als Niederlage bezeichnen, aber es ist einfach schade, dass ich es nicht geschafft habe, zu einem Punkt zu gelangen, an dem ich wieder befreit Eishockey spielen kann.

derStandard.at: Das klingt sehr realistisch und durchdacht.

Ibounig: Ich bereue nichts und weine den vergebenen Möglichkeiten nicht nach, sondern bin vollauf damit zufrieden, wie mein Leben bisher verlaufen ist. Das hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

derStandard.at: Wohin führt der Weg dieses Menschen Christoph Ibounig in der Zukunft?

Ibounig: Wie erwähnt, bin ich dabei, mich neu zu orientieren. Im Leben verschieben sich Werte und Prioritäten. Im Sommer werde ich meine langjährige Freundin heiraten, mit der ich in Linz zusammenlebe und die hier auch ihrem Job nachgeht. Ich bin jetzt 26 und freue mich auf meine Zukunft, auch beruflich. Ab September möchte ich in Kärnten mein Fachhochschulstudium im Bereich Physiotherapie aufnehmen.

derStandard.at: Ihr ehemaliger Mitspieler beim KAC, Philippe Horsky, hat seine Karriere in einem ähnlichen Alter beendet, er ist heute Trainer (Anm.: des Farmteams der Vienna Capitals). Auch für Sie eine Option für die Zukunft?

Ibounig: Darüber habe ich mir noch keine weiterführenden Gedanken gemacht. Es ist nicht so, dass ich das Eishockey gänzlich aus meinem zukünftigen Leben gestrichen habe. Parallel zum Studium würde ich gerne in einer unteren Liga spielen, meine Konzentration gilt aber dem, was privat und beruflich auch mich zukommt. Physiotherapie und Eishockey haben ja viel miteinander zu tun, also hoffe ich, dass ich das kombinieren kann und dem Sport so erhalten bleibe. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 26.Jänner 2011)

 

ZUR PERSON

Christoph Ibounig (26) durchlief das Jugendprogramm des KAC, spielte in allen österreichischen Nachwuchs-Nationalteams und debütierte bereits im Alter von 15 Jahren in der Bundesliga. Nach einem Meistertitel mit dem KAC (2004) wechselte er im Sommer 2008 zum EHC Linz, mit dem er im Vorjahr das EBEL-Finale erreichte. Für das A-Nationalteam absolvierte der Kärntner sieben Länderspiele, das erste davon im April 2006 gegen Deutschland.

  • Im Vorjahr steuerte Christoph Ibounig 21 Scorerpunkte zum Vizemeistertitel des EHC Linz bei.
    foto: planetlinz.tv

    Im Vorjahr steuerte Christoph Ibounig 21 Scorerpunkte zum Vizemeistertitel des EHC Linz bei.

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    Zweikampf mit dem Russen Igor Makarov. In sieben Länderspielen trug Ibounig (re.) das Trikot der Nationalmannschaft.

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