Obama gibt den Motivationstrainer der Amerikaner

26. Jänner 2011, 18:08
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In seiner Rede zur Lage der Nation sieht der US-Präsident den "Sputnik-Moment" der heutigen Generation gekommen. Amerika müsse aufholen, investieren, zuversichtlich sein. Details aber bleibt Obama schuldig.

In schönster Eintracht sitzen sie in den Polsterbankreihen, die Kontrahenten des Parlaments. Sonst versammelt man sich strikt nach Fraktionen getrennt, wenn der Präsident zur Lage der Nation redet. Sonst bleibt bei umstrittenen Passagen die eine Hälfte in mürrischer Ablehnung sitzen, während die andere umso begeisterter jubelt, Beifall klatscht, mit den Füßen trampelt. Diesmal soll es anders sein. Fast alle tragen schwarzweiße Schleifchen, zum Gedenken an die Opfer des Blutbads von Tucson. Wo Gabrielle Giffords sitzen würde, die lebensgefährlich verletzte Abgeordnete, bleibt ein Platz leer. Der Kongress verzichtet auf die üblichen Rituale, auf Gejohle, Gelächter und Zwischenrufe. Der Kongress harmoniert.

"Amerika zuerst", das ist auch Barack Obamas Grundmelodie. Trocken wie einst Henry Kissinger skizziert er die Weltlage. Die Konkurrenz holt auf, investiert, reformiert, die größte Solarforschungsanlage steht neuerdings in China, der schnellste Computer ebenso. "Aber das sollte uns nicht entmutigen. Es sollte uns herausfordern", sagt der Präsident und beschwört das Ärmelaufkrempeln der Ära Kennedy. Als die Sowjetunion den Sputnik ins All schoss, sei es doch ähnlich gewesen. "Wir hatten keine Ahnung, wie wir sie beim Wettlauf zum Mond schlagen sollten." Doch nach gezielten Investitionen in Forschung und Bildung habe man die Sowjets nicht nur überholt, sondern eine wahre Welle der Innovation ins Rollen gebracht, neue Industrien geschaffen und Millionen neuer Jobs. "Heute ist der Sputnik-Moment unserer Generation."

Am Pult steht der Coach des Teams Amerika, nicht der Parteimensch Obama. Aus der Wahlschlappe des Novembers hat er die Lehre gezogen, dass seine Landsleute wie im Reflex die Regierung bestrafen, wenn sich Politiker zu oft in ideologischen Grabenkämpfen aufreiben und zu selten pragmatisch Probleme lösen. Er drechselt wieder die aufbauenden, einenden Sätze, wie er sie schon als Kandidat im Repertoire hatte. Sie handeln von nationaler Größe, vom amerikanischen Traum. "Das ist ein Land, wo alles möglich ist. Egal, wer du bist. Egal, wo du herkommst." Nur müsse angesichts des Aufschwungs von Asien ein Ruck durch dieses Land gehen, beschwört der Motivationstrainer-in-Chief. Sein Motto lautet: Die Zukunft gewinnen.

Schöne Worte, aber wo bleibe das Konkrete, wirft ihm die Opposition daraufhin vor. Paul Ryan, ein Freund der Tea Party, der im Namen der Republikaner die Antwortrede hält, vergleicht die Washingtoner Kassenlage mit der Misere Griechenlands. Er ruft den aktuellen Schuldenstand in Erinnerung (14 Billionen Dollar) und warnt düster davor, dass der Abstieg in die Zweitklassigkeit drohe, falls die Lawine nicht bald gestoppt werde. "Wir brauchen einen schlanken Staat", betont Ryan und klingt wie Ronald Reagan.

Sparen, das will auch Obama. Etwas vage schlägt er vor, die Staatsausgaben für fünf Jahre einzufrieren. Wo das Geld für die Investitionsoffensive herkommen soll, will Obama aber nicht durchbuchstabieren. Millionäre, deutet er an, sollen nicht ewig in den Genuss Bush'scher Steuersenkungen kommen. Obendrein könnte man Subventionen für Ölunternehmen streichen. An diesem Punkt ist es vorbei mit der Harmonie im Kongress.  (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2011)

  • Fordernder Blick zurück: Barack Obama sieht auf den Gegner der kommenden 
Monate, den Republikaner John Boehner.
    foto: epa/shawn thew

    Fordernder Blick zurück: Barack Obama sieht auf den Gegner der kommenden Monate, den Republikaner John Boehner.

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