Glühbirnen für Echtheitsdenker

26. Jänner 2011, 18:11
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Savyon Liebrechts "Die Banalität des Bösen" im Theater Nestroyhof Hamakom

 

Wien - Die wahrhafte Schönheit einer in Teilen großen Aufführung erweist sich in Details: Jede kleine Einzelheit kann dann heller strahlen als die Gesamtheit der gesammelten Eindrücke. Man liebt solche Aufführungen im Theater umso heißer, als noch dasjenige, was in ihnen missrät, wichtiger erscheint als das Gros des anderswo risikolos Geglückten.

Michael Gruners Inszenierung von Savyon Liebrechts Arendt-Heidegger-Stücks Die Banalität der Liebe im Theater Nestroyhof plagt sich merkwürdig ungelenk, in Wahrheit aber unfassbar akribisch mit einem wenig illuminierten Text herum.

Der Marburger Philosophie-Star Martin Heidegger geht in den 1920er-Jahren eine Liebesbeziehung mit seiner jüdischen Vorzeige-Studentin Hannah Arendt ein. Weil diese Liebe am Skandal der nationalsozialistischen Machtergreifung absehbar zuschanden geht - ohne doch jemals abzureißen -, beide Protagonisten als Leitsterne aus eigenem Recht in den jeweiligen Wissensbezirken hell funkeln, muss Liebrechts Text mutmaßen. Er gerät ins Dünkeln und Munkeln. Er weiß alles. Er weiß vor allem alles besser.

Man hätte niemals Anlass gehabt, an der Liebesbeziehung zwischen Arendt und Heidegger borniert zu zweifeln. Savyon Liebrechts Text tut aber so, als ob Arendts selbstbestimmter Anspruch auf Lust (durch Heidegger) durch den nachmaligen Proto-Rektor der Nazis weltanschaulich zu deckeln oder gar zu kompromittieren wäre. Als ob: Von dieser Haltung, die im Idealfall die Grundlage einer theatralische Einsicht bildet, zehrt Gruners ganze, unendlich kunstreich angelegte Inszenierung.

Es flackern vor der schönen Eisenleiter im Nestroyhof die Glühbirnen. Die politwissenschaftliche Instanz Hannah Arendt (Juliane Gruner) gibt - weil sie vor der Zumutung steht, 1975 von einem Israeli in ihrer Heimat New York interviewt zu werden - die verglimmende, leicht nölende Diva. In Wahrheit sieht sie sich von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht: tänzelnden, wie ferngelenkten Männern, deren Gelenkigkeit das Odeur einer bösen Fratzenhaftigkeit entfaltet. Faschismus ist eine Haltungsfrage: Das Schüttern der Knochen erzählt mehr über das verheerende Brandungsgeschehen der 1920er/ 30er-Jahre, als jede Abhandlung es vermöchte.

Nacheinander geraten die Zeitebenen durcheinander: Arendt erinnert sich an "ihren" Heidegger (Christian Higer), der wie ein gefräßiger Tango-Tänzer in vielerlei Posen mit seiner Geliebten erstarrt. Alsbald lasten auf dem Ballett aber auch unendliche Gewichte: Ein Heidegger-Alter-Ego (der große, wunderbare Hans Diehl) deklamiert zentrale Sätze aus dem Opus magnum Sein und Zeit, als wäre er ein davonfliegender Holländer. Erkenntnisse glimmen auf in dieser Inszenierung, die klug zu nennen untertrieben wäre. Der Abend ist nur nicht wirkungssicher. Und somit ist er auch nicht vollends gelungen. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2011)

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