44 Prozent der Österreicher engagieren sich auf freiwilliger Basis, das entspricht 400.000 Vollzeitstellen: "Oft ist es unfreiwillig, freiwillig zu arbeiten"
Freiwilliges Engagement ist in Österreich jährlich zwischen 14 und 15 Milliarden Euro wert. Ein Wert, der für den Staat unbezahlbar ist, meint Ulrich Brand, Politikwissenschafter an der Universität Wien: "Weil wir uns in Zeiten von sinkenden öffentlichen Budgets befinden." In Krisenzeiten nehme Konkurrenz zu, der Sozialstaat ab, so Brand, der aber gleichzeitig ausgeprägte Partizipationsansprüche in der Bevölkerung konstatiert. Menschen würden sich abseits von parteipolitischen Pfaden engagieren; und zwar auf zivilgesellschaftlichem Wege.
Staat darf nicht delegieren
Fast 44 Prozent der über 15-jährigen Österreicher leisten Freiwilligenarbeit, im EU-Schnitt sind es nur 23 Prozent. "Grenzen und Nutzen" des Engagements wurden am Mittwoch im Rahmen des Freiwilligen-Kongresses im Wiener Rathaus thematisiert. Politikwissenschafter Brand erinnert in seinem Vortrag, dass sich der Staat nicht aus der Verantwortung stehlen darf. Gerade wenn der unbezahlte Einsatz solche Dimensionen annimmt: "Die Menschen sind eher bereit sich zu engagieren, wenn die Sozialleistungen gut ausgebaut sind." Je mehr sich der Staat zurückziehe, desto eher nehme die Freiwilligenarbeit ab.
Das Ausmaß der Freiwilligenarbeit entspreche derzeit 400.000 Vollzeitarbeitsplätzen, berichtet Brand und plädiert für eine bessere Honorierung seitens des Staates. Es gehe nicht um finanziellen Benefit, sondern um sozialrechtliche Besserstellungen. Wie etwa eine Unfallversicherung oder Rentenansprüche, die Ehrenamtlichen zuteil werden könnten.
Infrastrukturelle Defizite
"Es kann nur eine sinnvolle Ergänzung zum Wohlfahrtsstaat sein", meint auch Helga Hess-Knapp von der Arbeiterkammer. Sie kritisiert infrastrukturelle Defizite, die sich im Bereich der Kinderbetreuung und Altenpflege widerspiegeln. "Erst informelle Arbeiten wie die unbezahlte Hausarbeit oder Pflege ermöglicht Lohnarbeit", so Hess-Knapp, die darauf hinweist, dass in Österreich 80 Prozent der Pflegebedürftigen im eigenen Haushalt betreut werden, und zwar zu 80 Prozent von Frauen. Ähnlich verhält es sich im Bereich der Kindererziehung: "Die staatliche Infrastruktur reicht hier nicht aus." Die Produktivitätskraft gehe verloren, wenn der Staat auslässt.
"Soziales Engagement macht glücklich", ist Erich Fenninger, Chef der österreichischen Volkshilfe, naturgemäß überzeugt: "Und nicht kaufen." Für Fenninger sind ehrenamtliche Tätigkeiten eine Strategie gegen die Reduktion des Menschen als Ware. Es gebe immer weniger Räume, wo nicht das Geld die Beziehungen regle: "Die Welt ist ein gesamter Marktplatz", sagt Fenninger, der in NGOs ein Gegengewicht zur Regierungsgewalt sieht. Nähme der Staat seine Verantwortung ausreichend wahr, müsste man sich nicht engagieren: "Oft ist es unfreiwillig, freiwillig zu arbeiten".
Klare Grenzen für Ehrenamtliche
Für Marc Diebäcker, Lehrender an der FH für Sozialarbeit, sind ehrenamtliche Tätigkeiten im Sozialbereich ein zweischneidiges Schwert, schließlich sei hier ein hohes Maß an Qualifikation erforderlich: "Es geht um professionelle Hilfe", die in Notsituationen zur Anwendung kommen muss. Insofern stoße Einsatzbereitschaft auch an Grenzen, die es in jeder Organisation zu definieren gelte. Das persönliche Wohlbefinden des Sozialarbeiters dürfe keine Rolle spielen, so Diebäcker. Trennlinien zu Klienten müssten mit Hilfe von Selbstreflexion gezogen werden.
Mindestalter, "psychische Stabilität"
Eine klare Abgrenzung zwischen haupt- und ehrenamtlicher Tätigkeit herrscht auch bei "Neustart", einem Verein für Bewährungshilfe und soziale Arbeit, versichert dessen Leiterin Karin Waidhofer. "Wir begleiten Leute in ihrem Alltag", erläutert sie, "vom Amtsweg bis zu Freizeitaktivitäten". Ehrenamtliche Bewährungshelfer schlüpfen bei "Neustart" zum Beispiel in die Rolle von Dolmetschern oder stehen bei alltäglichen Hilfstätigkeiten zur Verfügung. Durch das hohe Maß an Verantwortung komme auch nicht jeder in Frage: ein Mindestalter von 24 Jahren und "psychische Stabilität" sind Voraussetzungen. Freiwillige würden auch als wichtiges Korrektiv gegenüber den Profis agieren, sagt Waidhofer. Input von außen helfe gegen Betriebsblindheit und Fachidiotie.
"Es kann jeden treffen", sagt Rudolf Wagner, Geschäftsführer von pro mente, und meint damit psychische Erkrankungen: Jeder Vierte laboriert im Laufe seines Lebens zumindest einmal daran, was mit sozialer Isolation und gesellschaftlicher Stigmatisierung einhergehe, so Wagner, der die Grenze bei pro mente zwischen Haupt- und Ehrenamt etwa im privaten Umfeld verortet: "Hier hat der Profi nichts verloren. Das Feld gehört den Ehrenamtlichen."
Gut im Lebenslauf
Ein Feld, dessen Beackerung sich auf jeden Fall auszahlt, ist auch Renate Kamleithner vom Sozialministerium überzeugt. Neben dem konkreten persönlichen Nutzen - wie dem Erwerb von sozialen, organisatorischen Kompetenzen - erhöhe Freiwilligenarbeit auch die Jobchancen: "Das sollte man auf jeden Fall im Lebenslauf anführen." Den Vorwurf, dass der Staat seine Verantwortung zunehmend an Ehrenamtliche delegiere, kontert Kamleithner mit Verweis auf die sozialen Investitionen: "In Österreich fließen immerhin 30 Prozent des BIP in Sozialausgaben." Natürlich, so Kamleithner, wäre es begrüßenswert, wenn noch mehr Geld zur Verfügung stünde, aber das Finanzministerium liege schließlich in den Händen der ÖVP. Und die wehrt sich nach wie vor gegen die Vermögenssteuer, bedauert sie. (om, derStandard.at, 26.1.2011)