"Den typischen Junkie gibt es nicht mehr"

26. Jänner 2011, 09:55
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Regisseur Karl Wozek will verhindern, dass sich Jugendliche mit seinem Theaterstück "Christiane F." identifizieren

Warum Drogen ein Abbild der Gesellschaft sind und warum Abschreckung nicht hilft, sagt er Livia Kromp.

Wien – Im Theaterstück "Christiane F." erzählen die Schauspieler von theater.wozek sehr abstrakt und berührend über das Schicksal der jungen Christiane und ihrer Familie. Doch es handelt sich um weit mehr als um die Geschichte eines verlorenen Mädchens vom Bahnhof Zoo, die 35 Jahre zurückliegt. So nimmt sich der Regisseur Karl Wozek dem nach wie vor stark tabuisierten Thema an.

Standard: Was hat Sie dazu veranlasst, "Christiane F." als Theaterstück aufzuführen?

Wozek: Dafür gab es viele Gründe. So haben mir zum Beispiel einige Jugendliche und Lehrer aus Wien und Niederösterreich Anfragen geschickt, ob wir so ein Stück aufführen wollen, da die Thematik ja nicht unaktuell ist. Außerdem ist mir aufgefallen, dass das Thema Drogen und Drogentote in den letzten Jahren kaum in den Medien vertreten war und der Gesellschaft und den Medien nicht wichtig zu sein scheint. Meines Erachtens wird es ein bisschen totgeschwiegen.

Standard: Inwieweit unterscheidet sich Ihr Stück von dem 1981 erschienenen Film?

Wozek: Ich wollte nicht, dass sich Jugendliche mit dem Theaterstück identifizieren. Beim Film ist das damals, finde ich, in die Hose gegangen. Das Ganze war ein Schuss nach hinten, viele haben es cool gefunden, sich abzumagern und "anders" zu sein, denn das muss man sich erst einmal trauen. Ich kenne zwei Menschen persönlich, die auf den Film reagiert haben, indem sie alles selbst probiert haben. Ich wollte verhindern dass Jugendliche, nachdem sie mein Theaterstück gesehen haben, sagen: "Pfau, schau, super, wie sie sich durchwurschtelt und freispritzt aus dieser blöden Gesellschaft." Ich wollte die Geschichte angreifen und präsentieren. Außerdem hat mich interessiert, was mit Christiane heute ist, wie sie als Mutter lebt. Ich wollte auch einen Fokus auf ihren Sohn Niklas legen, denn es muss eine seltsame Situation sein, das Kind einer berühmten Frau zu sein – vor allem wenn diese Frau nicht etwa als Schauspielerin oder Politkerin, sondern wegen ihres tragischen Schicksals berühmt geworden ist.

Standard: Wie denken Sie über Christiane F. und ihr Schicksal?

Wozek: Beim ersten Mal, als ich das Buch Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo gelesen habe, war sie mir ein bisschen unsympathisch. Ich mochte diese flapsige Art, die sie hat, nicht. Diese "Das ist meine Welt, die anderen sind mir scheißegal"-Attitüde fand ich unsympathisch. Später habe ich dann begriffen, dass sie nach wie vor ein Produkt ihrer Eltern und der Gesellschaft ist. Ich habe viel verstanden, das halte ich im Nachhinein für wichtig. Ich glaube, wenn man Menschen versteht, dann hat man die Möglichkeit, mit diesem Verständnis auch andere Menschen zu erreichen. Wir alle sind verführbar, wir alle können abhängig werden. Ich glaube einfach, dass viele Themen, wie zum Beispiel Migranten, Gewalt oder Drogen, heute wie früher Ausdruck einer gesellschaftlichen Situation sind.

Standard: Was hat sich zwischen damals und heute am Drogenkonsum von Jugendlichen verändert?

Wozek: Die Mode hat sich geändert, sonst aber nicht viel. Das Genre der Drogensüchtigen ist breiter geworden, den "typischen Junkie" gibt es nicht mehr. Junkies erkennt man auch nicht, die gibt es von Simmering bis Döbling. Es hat sich also nicht wirklich etwas verbessert. Es gibt heute mehr Drogentote als damals, und es sind immer noch viele junge Menschen darunter. Das Einzige, was sich verbessert hat, sind die Therapiemöglichkeiten.

Standard: Denken Sie, dass literarische Werke, Filme oder auch Theaterstücke überhaupt noch abschreckende Wirkung haben?

Wozek: Ich denke schon, dass man mit Theater und Film auf Menschen einwirken kann, in jede Richtung; und das stellt auch immer eine Gefahr dar. Theater kann – genauso wie Fernsehen – ein Leben verändern und beeinflussen. Daher haben Werke, die das Thema "Drogen" behandeln, wahrscheinlich auch bei manchen Leuten eine abschreckende Wirkung. Aber dieses Abschrecken mag ich nicht so. Ich glaub, es geht ums Erkennen. Wenn man die Zusammenhänge erkennt, ist Erkenntnis da. Das, was jemand nicht versteht, interessiert ihn auch nicht. Abschrecken ist so etwas Unbewusstes. Außerdem ist meistens gerade das Abschreckende das Verlockende. (Livia Kromp, DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2011)

KARL WOZEK (48) arbeitete als Schauspieler u. a. in Wien, Moskau und Meran und gründete 1996 den Kulturverein theater.wozek in Wien sowie 2005 die Gruppe TheaterEISbrecher in NÖ.

"Christiane F." gastiert von 15. bis 18. 2. im Dschungel Wien.

  • Mit seinem Stück "Christiane F.", das im Dschungel Wien aufgeführt wird, will Regisseur Karl Wozek Verständnis für die Drogenproblematik erzeugen. "Denn nur wenn man Zusammenhänge verstehen kann, ist Erkenntnis da."
    foto: standard/barbara pálffy

    Mit seinem Stück "Christiane F.", das im Dschungel Wien aufgeführt wird, will Regisseur Karl Wozek Verständnis für die Drogenproblematik erzeugen. "Denn nur wenn man Zusammenhänge verstehen kann, ist Erkenntnis da."

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