Integration muss man wollen

25. Jänner 2011, 19:41
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Im geförderten Wohnbau sind im vergangenen Jahrzehnt zahlreiche Vorzeigeprojekte für Integration entstanden. Doch was immer noch fehlt, ist eine klare Strategie - und möglicherweise auch bald die nötigen Mittel - Von Karl Wurm

Am Satzingerweg in Wien 21 wurde 1999 von einer Genossenschaft das erste interkulturelle Neubauprojekt geplant und umgesetzt. Der Wohnbaustadtrat sagte damals: "Das leisten wir uns, aber macht es ohne großes Aufsehen, ich will keine großen Diskussionen".

2010 wurde ein anderes Integrationsprojekt offiziell vom Wiener Bürgermeister mit dem 1. Wiener Wohnbaupreis ausgezeichnet.

Es hat sich beim Thema Integration in der öffentliche Bewusstseinsmachung seither einiges getan. Es wird jetzt vieles offen angesprochen, manches zerredet. Was fehlt, ist die Gesamtsicht und das engagierte Wollen. Das eine oder andere Vorzeigeprojekt ist ein interessantes Signal, aber noch keine Problemlösung. Integration braucht eine politische Vision. Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen und in der Bevölkerung emotional den Boden vorzubereiten.

Die Bevölkerung versteht längst, dass die Wirtschaft Zuwanderung braucht, und begrüßt daher mehrheitlich gezielte Integration zum Wohle des Landes. Sie will aber eine offensive Diskussion - auch über die Pflichten und Rechte der zu Integrierenden. Dazu gehören das Erlernen der deutschen Sprache genauso wie ein besseres Ausbildungsangebot zur Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit am Arbeitsmarkt.

Die zu Integrierenden müssen sich auch Wohnungen leisten können, und tatsächlich ist der Wohnbau der dritte Kristallisationspunkt für Integration. Versäumnisse in der Bildung und dem Arbeitsmarkt können allerdings auch durch die beste und teuerste Wohnbaupolitik nicht ausgeglichen werden.

Problem Konzentration

Neuankommende wollen erst einmal bei Menschen wohnen, die ihnen vertraut sind. Gerade diese Konzentration von fremder Sprache und fremder Kultur löst bei den "Eingesessenen" Ängste aus. So manche Konzentration in Wohnhausanlagen ließe sich auch durch noch gezieltere Vergabe von Wohnungen verhindern.

Eine Entflechtung dieser Konzentrationen, sprich ein Umzug in eine neue Wohnung, geht meist einher mit gesellschaftlichem Aufstieg, bedingt aber ein leistbares Wohnungsangebot - und ist ein Prozess, der Zeit braucht.

Manchmal wird der Eindruck vermittelt, es gäbe generell die richtige Architektur für Integration - frei nach dem Motto: Gibt's viele Gemeinschaftseinrichtungen, wird viel miteinander geredet. Groß ist das Erstaunen, wenn bei Bewohnerevaluierungen Gemeinschaftsräume als nicht ganz so wichtig bewertet werden. Der Großteil der Leute will nicht ununterbrochen miteinander kommunizieren und schon gar nicht mit sogenannten Fremden. Kommunikation findet statt, wenn sie als notwendig erachtet wird. Die Leute wollen informiert sein und sie wollen, dass die Dinge funktionieren. Diese alltägliche Dienstleistung des Zuhörens, des Erklärens und des in die Handnehmens ist eine oft unbedankte Arbeit vieler Hausverwaltungen.

Dank der Mischung von Objekt- und Subjektförderung in Österreich können Arme und Reiche nebeneinander wohnen; die Wohnbauförderung - mit 1,2 Prozent am BIP im EU-Mittelfeld - beeinflusst neben dem Preis auch Qualitäten und die regionale Verteilung der Wohnungen. Zusammen mit dem Wohnrecht und der Wohnungsgemeinnützigkeit ist das System stabil und produziert weder Immobilienblasen noch Ghettos.

Bisher ausreichend dotiert stand die Wohnbauförderung breiten Bevölkerungsschichten offen, ein geballtes Zusammenwohnen sozial Benachteiligter in Sozialquartieren mit all dem bekannten Konfliktpotenzial (Pariser Vororte) konnte verhindert werden. Das Zusammenstreichen des Wohnbauförderungsbudgets für 2011, gerade in Wien, wo Integration das Hauptthema ist, lässt allerdings Zweifel aufkommen, ob das auch zukünftig so bleiben wird. Integration ist nicht zum Nulltarif möglich, man muss sie sich auch leisten (wollen!). (Karl Wurm/DER STANDARD-Printausgabe, 26.1.2011)

KARL WURM ist Obmann des Österreichischen Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen.

Das nächste STANDARD-Wohnsymposium am 23. Februar in Wien ist dem Thema Wohnen und Integration gewidmet.

Information & Anmeldung:
Tel. 01/531 19 13 oder wohnenplus.at

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