Erhebung eines Opfers

25. Jänner 2011, 19:20
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Sowohl Titel als auch Ansinnen der zweiteiligen Reality-Doku lassen für den Arbeiter in der Papiermüllverwertung das Schlimmste befürchten

Außereheliche Sozialexperimente (Frauentausch) oder pädagogisch minderbemittelte Eltern (Die Super Nanny) halfen in den letzten Jahren im Privatfernsehen sozialpornografische Gelüste zu stillen. Das Scheitern anderer, die zur Schau gestellte Not und Verzweiflung dient wie einst mittelalterliche Schauprozesse der Volksbelustigung und ist auf solche Weise wesentlicher Teil des medialen Ausbeutungssystems.

Das Leben von Andy beispielsweise ließe sich prima verscherbeln. Sowohl Titel als auch Ansinnen der zweiteiligen Reality-Doku von Britta Wandaogo, "Andys Knochenjob - 1200 brutto", lassen für den Arbeiter in der Papiermüllverwertung schon das Schlimmste befürchten. Doch der nun zum zweiten Mal auf 3sat ausgestrahlten Doku gelingt auf bemerkenswerte Weise Folgendes: Sie zeigt den im modernen Jargon dem Prekariat angehörigen Mann inmitten seiner schwerwiegenden Alltagsprobleme als einen von sämtlichen Stereotypen befreiten und durch seine Klarheit, Entschlossenheit und liebevolle Art in Würde strahlenden jungen Mann. Andy ist 21 Jahre jung und vierfacher Vater. Die Freundin und Mutter seiner Kinder spricht wenig und leidet, laut Jugendamt, an Antriebslosigkeit. Eine Räumungsklage steht an, weil die Wohnung zu klein sei (das vierte Kind wurde nach der Geburt gegen den Willen der Eltern einer Pflegefamilie übergeben).

Wandaogos nahe, aber unaufdringliche Kamera zeigt nicht das fallende Opfer (wie so oft!), sondern einen starken, klugen, lieben Menschen, der in einem System, in dem es vorgeblich alle gut meinen (Behörden, Herkunftsfamilie, Arbeitgeber), keine Chance findet. Ein echtes Horváth'sches Drama. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD; Printausgabe, 26.1.2011)

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