Höchste Sicherheitsstufe für Verhandlung im Schnee

25. Jänner 2011, 19:01
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Der Vorwurf, Umar Israilow habe sterben müssen, weil ihn die Polizei nicht geschützt habe, steckt den Behörden tief in den Knochen - Den Lokalaugenschein am Tatort sicherten Polizei und Justizwache mit Großaufgeboten

Wien - Richter Friedrich Forsthuber wäre ein guter Fremdenführer. Immer wieder dreht sich der Präsident des Wiener Landesgerichtes nach seiner gut 50-köpfigen Gruppe um, signalisiert deutlich, wohin es geht und erklärt mit lauter Stimme die Bedeutung der einzelnen Stationen. Der wohl bestbewachte Ausflug, den jemals ein Geschworenengericht in Österreich gemacht hat, gilt der Aufklärung des Mordes an Umar Israilow.

Vor fast genau zwei Jahren war der tschetschenische Flüchtling in Wien-Floridsdorf auf offener Straße erschossen worden. Deshalb sind am Dienstag alle zum Lokalaugenschein am Tatort in der Leopoldauer Straße gekommen: Richter, Staatsanwalt, die drei Angeklagten, Verteidiger, die Geschworenen, die Medien und andere Prozessbeobachter.

Der Termin ist Teil der Verhandlung, und die beginnt im Gasthaus Wagner. Genauer gesagt im Extrazimmer, wo sonst, wie ein Zettel an der Wand verrät, der Sparverein "Biene Maja" zusammenkommt. Jetzt sagen hier Polizeibeamte als Zeugen aus. Einer der Angeklagten aus Tschetschenien kennt das Lokal schon. Er hatte sich unmittelbar vor den tödlichen Schüssen an der Schank einen großen Braunen genehmigt.

Dann geht es hinaus. Im dichten Schneefall wird der Tross bereits erwartet, ein Großaufgebot von Polizei und Justizwache sichert die Straße. Beamte in voller Kampfausrüstung halten nach Heckenschützen Ausschau, Straßenabschnitte werden spontan gesperrt, Passanten höflich, aber bestimmt angewiesen, einen Umweg zu nehmen.

Vorwurf steckt tief in den Knochen

Der Vorwurf, Umar Israilow habe sterben müssen, weil die Polizei ihn nicht geschützt habe, steckt den Sicherheitsbehörden offenbar noch tief in den Knochen. Wie berichtet, schließt die Staatsanwaltschaft nicht aus, dass der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow hinter der Ermordung stecken könnte, weil Israilow ihn beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof angeklagt hatte. Sicher ist, dass Israilow vor Kadyrow geflüchtet war und seine Angst den hiesigen Behörden gemeldet hatte.

Am Tatort stapft Richter Forsthuber unermüdlich durch den Schnee. Er folgt der im Akt rekonstruierten Spur der Patronenhülsen. Von der Leopoldauer Straße in die Siegfriedgasse bis zur Ostmarkgasse - "Benannt im Jahre 1900 nach der mittelalterlichen Grenzmark, der Keimzelle Österreichs", heißt es auf einer Zusatztafel. Hier starb Umar Israilow am 13. Jänner 2009. Dem mutmaßlichen Mörder Letscha B. gelang die Flucht zurück nach Tschetschenien. Die drei Angeklagten sollen das Komplott geschmiedet und unter anderem Autos und Waffen besorgt haben. Otto K., angeblich ein guter Bekannter von Kadyrow, soll die Fäden gezogen haben. Wortlos steht er am Tatort, friert sichtlich unter seiner Sportjacke mit der Aufschrift "Russia".

Pause bis Mitte März

Auch Suleyman D., der intensiv in die Planung eingebunden gewesen sein soll und damals am Tatort war, steigt die Kälte in die bloßen Hände, von denen er wegen der Handschellen jeweils immer nur eine umständlich in der Hosentasche wärmen kann. Nur Turpal-Ali Y. scheint nicht kalt zu sein. Er war dem Mord am nähesten, will aber bis zuletzt nicht gewusst haben, worum es eigentlich ging. Alle drei verantworten sich damit, dass sie ihrem Landsmann Letscha B. eigentlich nur einen freundschaftlichen Gefallen tun wollten - ohne Fragen.

Dem Richter reicht's. Der Prozess wird Mitte März fortgesetzt. Moskau sollte bis dahin über ein Gesuch auf Befragung von Letscha B. reagiert haben. (Michael Simoner/DER STANDARD-Printausgabe, 26.1.2011)

  • Lokalaugenschein am Tatort in Wien-Floridsdorf.

  • Dutzende Polizisten und Justizwachebeamte sicherten den gerichtlichen Lokalaugenschein im Mordfall Umar Israilow. Der Angeklagte mit der Russia-Jacke soll damals die Fäden gezogen haben.
    foto: robert newald

    Dutzende Polizisten und Justizwachebeamte sicherten den gerichtlichen Lokalaugenschein im Mordfall Umar Israilow. Der Angeklagte mit der Russia-Jacke soll damals die Fäden gezogen haben.

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