Stunde der Wahrheit für den Kosovo

25. Jänner 2011, 18:50
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Die Führung des Kosovo habe auf Dick Martys Vorwürfe wegen Organhandel und Mord bisher falsch reagiert, sagt ein Kritiker aus den eigenen Reihen - Die Vertuschung von Verbrechen gefährde die Legitimität der Unabhängigkeit

Der Bericht von Dick Marty vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates wird definitiv eine Wirkung zeigen: Er wird die Albaner - im Kosovo und in Albanien - dazu zwingen, sich ernsthaft mit den unangenehmen Wahrheiten auseinanderzusetzen, die den Befreiungskampf, der zur Unabhängigkeit des Kosovo im Februar 2008 geführt hat, begleitet haben.

Er wird sie zwingen, dem Schicksal von 300 verschwundenen Serben, ein paar hundert Albanern und Angehörigen anderer Minderheiten, die seit dem Kosovo-Krieg vermisst werden, nachzugehen. Im albanischen Narrativ haben die Kosovo-Albaner gegen die Unterdrückung der Serben gekämpft und zwar auf Grund und Boden, der ihnen rechtmäßig zusteht. Gewaltsame Unterdrückung zwang sie in einen bewaffneten Widerstand, der die internationale Intervention beschleunigte, die den Kosovo unabhängig machte. In diesen Mythos wurden auch neue Elemente - Märtyrer, Helden (wir) und Schurken und Mörder (sie) - inkorporiert.

Wie jedes nationalistische Narrativ hat auch dieses Fehler. Der albanisch-serbische Konflikt um den Kosovo drehte sich darum, dem anderen in einem Nullsummenspiel die Kontrolle über das Territorium zu entreißen. Die bewaffnete Bewegung bestand zunächst aus einer kleinen Gruppe, die mit einer "Hit-and-Run"-Taktik gegen die serbische Polizei und Verwaltung darauf abzielte, dass die darauffolgenden Vergeltungsmaßnahmen gegen die eigene Gemeinschaft dem Kosovo die Unabhängigkeit bringen wird. Diese Gruppe war wiederum in einen heftigen Machtkampf mit der dominanten politischen Kraft der Kosovo-Albaner, jener von Ibrahim Rugova, verstrickt. Während des Krieges übten viele Elemente der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK Gewalt gegen mutmaßliche Kollaborateure aus, die sie im Kosovo und in Albanien aufstöberten.

Dazu kommt die Sache mit den Serben, die nach dem Krieg verschwanden. Wie kann es sein, dass die Anzahl dieser vermissten Serben zehn Jahre nach dem Krieg praktisch gleichblieb, bei 300 nämlich?

Eine der üblichen Argumente gegen diese lästigen Fakten lautet, die Serben seien schlimmer gewesen. Das ist nicht legitim: Wer einem Verbrechen nachgeht, kann nicht bloß auf sein Ausmaß starren.

Ein weiteres Argument ist, es sei zu früh, um Schuld anzuerkennen. Die Deutschen hätten ungefähr zwanzig Jahre gebraucht, um mit dem Zweiten Weltkrieg ins Reine zu kommen, und die Amerikaner fünfzig Jahre, um über den Massenmord durch die Bombardierung Japans eine Diskussion zu eröffnen. Man könnte hier Homer zitieren - ein Interpretation der Ilias ist, dass sie eine Reflexion über die Schuld an einem Krieg darstellt, der fünf Jahrhunderte zuvor geführt worden war. Das ist auch lächerlich. Denn je früher und nachdrücklicher wir den Fragen nachgehen, desto mehr können wir es künftigen Generationen ersparen, sich mit der Last der Vergangenheit zu beschäftigen.

Keine Toleranz für Mord

Das Argument, es sei noch zu früh, darüber zu reden, weil der Kosovo erst seinen Status sichern muss, ist zudem inhuman. Denn Mord sollte niemals im Interesse eines politischen Projekts toleriert werden. Wenn es etwas gibt, dass wir aus der Vergangenheit unseres Kontinents gelernt haben, dann doch, wie einzelne Menschen, dutzende Ceauºescu-Gegner, hunderte vergewaltigte Frauen, tausende Gewerkschafter, zehntausende Kommunisten, hunderttausende Bosnier und Millionen von Juden im Namen von katastrophalen Projekten, die uns in ein "besseres Leben" irreführen wollten, geopfert wurden.

Vergangene Woche erklärte ein ehemaliger US-Diplomat in der albanische Presse, Martys Vorwürfe seien lächerlich. Was niemand erwähnte, ist, dass der gleiche Diplomat heute ein Berater einer PR-Agentur ist, die die kosovarische Regierung im vergangenen Sommer anheuert hat. Wenn die Behörden in Albanien und im Kosovo das, was Marty vorbringt, bloß als PR-Desaster betrachten, wird die gesamte Angelegenheit relativiert und entmenschlicht. Wir sollten stattdessen dafür sorgen, dass die Justiz intensiv und unparteiisch arbeiten kann, um auf beiden Seiten Gerechtigkeit gegenüber Tätern und Opfern durchzusetzen.

Es wird viel über die Versöhnung zwischen Serben und Albaner geredet. Dazu könnten die Albaner viel beitragen, indem sie Verbrechern in den eigenen Reihen juristisch verfolgen und damit beweisen, dass Verbrechen nicht - je nachdem, wer sie begeht - relativiert werden. Sie sollten das gleiche Mitgefühl mit den 300 verschwundenen Serben wie mit den 800 verbliebenen verschwundenen Albaner zeigen. Dann würden sie auch moralisch die Oberhand haben und den ersten Schritt in Richtung nachhaltiger Versöhnung setzen.

Geschieht das nicht, dann signalisieren sie, dass sie die Unabhängigkeit nur wegen eines rassistischen Prinzips der ethnischen Trennung und der Kriegsbeute angestrebt haben, und nicht, um den Kosovo gerechter und fairer zu regieren als das frühere Regime. Unabhängigkeit bedeutet auch die Freiheit, die richtigen moralischen Entscheidungen zu treffen. Und Gerechtigkeit heißt, dass kein Menschenleben entbehrlich ist. (Altin Raxhimi, STANDARD-Printausgabe, 26.01.2011)

Altin Raxhimi ist freier Journalist und erregte 2009 mit einer Dokumentation über Folterungen in UÇK-Gefängnissen internationales Aufsehen.

  • Altin Raxhimi, kontroverser albanischer Journalist.
    foto: privat

    Altin Raxhimi, kontroverser albanischer Journalist.

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    In der Medicus-Klinik in Prishtina sollen nach Aussage von Europarat-Berichterstatter Dick Marty illegale Organtransplantationen stattgefunden haben - mit Wissen führender Kosovo-Politiker.

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