USA dementieren Verwicklung in Revolte

25. Jänner 2011, 18:20
57 Postings

Die Proteste gegen die Übergangsregierung dauern an - Zugleich mehren sich Gerüchte, die USA hätten beim Sturz des Diktators Ben Ali eine beträchtliche Rolle gespielt - im Alleingang und ohne Frankreich.

Haben die USA die Unruhen in Tunis benützt, um Langzeitpräsidenten Zine El Abidine Ben Ali abzusetzen? Entsprechende Gerüchte haben eine Intensität angenommen, dass Washington auf Facebook - dem wichtigsten Revolutionskanal in Tunesien - ein Dementi veröffentlichen musste: "Die USA dementieren kategorisch, beim Abgang Ben Alis auch nur die geringste Rolle gespielt zu haben."

In Paris zitiert das Enthüllungsblatt Canard enchaîné hingegen die französische Außenministerin Michèle Alliot-Marie mit den Worten: "Es waren die Amerikaner, die die Dinge in die Hand nahmen." Das sei sehr konkret geschehen: "Die amerikanischen Militärs haben ihre tunesischen Dienstkollegen kontaktiert, und die haben Ben Ali aufgefordert, das Land sofort zu verlassen." Alliot-Marie nennt auch das Motiv für das amerikanische Eingreifen: "Sie waren überzeugt, dass die Stützung des Regimes auf die Dauer nur den Islamisten in die Hände spielen würde."

Der französische Publizist und als Verschwörungstheoretiker bekannte Thierry Meyssan stützt die These und behauptet, die USA hätten 60 tunesische Spitzenpolitiker rekrutiert und bei einem dreimonatigen Kurs in einer Militärbasis in North Carolina auf die Machtablösung vorbereitet - bevor der Selbstmord eines Tunesiers den Aufstand auslöste.

Tatsache ist, dass die USA diesmal besser im Bild waren über die Dekadenz des Ben-Ali-Regimes, als die ehemalige Kolonialmacht Frankreich. Deren Präsident Nicolas Sarkozy räumte am Montag ein, Tunis "zu nahe" gestanden zu haben; zuvor hatte er Ben Ali stets als Bollwerk gegen die Islamisten gepriesen.

Während französische Diplomaten in Tunis noch unerwünscht sind, reiste am Montag bereits der US-Emissär Jeffrey Feltman dorthin. Er traf auch Politiker wie Außenminister Kamel Morjane, den die USA als möglichen Nachfolger Ben Alis vorgesehen haben sollen.

Das Dumme für Washington: Morjane zählte zur politische Garde Ben Alis und gehört damit zu den Ministern, gegen die sich die - auch am Dienstag - fortgesetzten Kundgebungen in Tunis richten.

Sogar Außenministerin Hillary Clinton schaltete sich am Wochenende ein, um die "Übergangsregierung" von Premier Mohamed Ghannouchi expressis verbis zu unterstützen; gleichzeitig rief sie die Tunesier zu einem "friedlichen Übergang" auf. Selbst wenn die USA die Palastrevolte gegen Ben Ali wirklich herbeigewünscht oder -geführt haben sollten: Die Revolution der Straße geht ihnen offenbar zu weit. (Stefan Brändle aus Paris, STANDARD-Printausgabe, 26.01.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In Tunis wird weiterhin gegen einzelne Mitglieder der Regierung demonstriert.

  • In Tunis: US-Emissär Jeffrey Feltman.
    foto: epa

    In Tunis: US-Emissär Jeffrey Feltman.

Share if you care.