Versessenes Schreiben und tosende Gefühle hinter Glas

25. Jänner 2011, 17:20
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Bastian Kraft holt in Graz Freud und Leid von Goethes "Werther" mitreißend und kitschfrei auf die Bühne

Graz - Ein junger Mann sitzt am Schreibtisch. Die Art, wie er versessen seine Hand über das Papier führt, lässt sofort einen doch recht impulsiven Charakter erahnen. Es ist der junge Werther (Leon Ullrich), Anfang 20 und auf das Land geflohen, von wo er seinem Freund Wilhelm berichtet.

Seit Freitag schreibt Werther vor Publikum auf der Probebühne unterm Dach des Grazer Schauspielhauses. Die Hand und das Blatt, auf dem er schreibt, werden auf eine große Glaswand vor ihm auf die Bühne projiziert. So wird jeder Zuseher zu Wilhelm, der, obwohl er den schön geschwungenen Sätzen in Echtzeit bei ihrer Entstehung zusieht, machtlos verfolgen muss, wie das "süße Gefühl von Freiheit" in Herz und Hirn des Freundes zur Krankheit wird.

Zuerst ist da die Liebe auf den ersten Blick, die den jungen Mann, der noch nicht weiß, was er vom Leben will, aber umso erfüllter von Beobachtungen, Gedanken und Sehnsüchten ist, trifft wie aus heiterem Himmel. Tatsächlich bricht draußen ein Gewitter los, als er das erste Mal mit seiner Lotte (neu in Graz: Evi Kehrstephan) tanzt und es - wohl alle beide mehr und weniger - erwischt.

Ihn mehr. Und diese Ungleichheit der Gefühle - Lotte mag ihn von Herzen, er sie aber mit jeder Faser - steht von Anfang an zwischen den beiden. Vielleicht mehr als Lottes Verlobung mit dem um zehn Jahre älteren Albert (Gustav Koenigs). Regisseur Bastian Kraft materialisiert dieses Hindernis als Glaswand, auf der auch die Briefe erscheinen. Selbst wenn sie sich beim Tanz ganz nah sind oder gemeinsam im Gras liegen, trennt die Scheibe die 19-Jährige und ihren Verehrer wie einen Häftling und seinen Besuch.

Erst als Werther nach Monaten der Wanderschaft - die im Publikum verbringt - zu ihr zurückkehrt und sie unerlaubt küsst, berühren sie sich - zum letzten Mal.

Die Leiden des jungen Werthers wurden aufgrund der ehrlich abgebildeten, von Goethe gerade verarbeiteten tosenden Gefühlswelt in den 1770er-Jahren zum europäischen Bestseller. Der Roman machte den 22-jährigen Juristen über Nacht zum Popstar des Sturm und Drang.

Für seine Dramatisierung des Briefromans wählt Kraft keine abgeschmackten Patentrezepte. Kraft erzählt die tragische Geschichte auf einer fast leeren Bühne und mit leicht historisierenden, aber schlichten Kostümen (beide von Peter Baur). Er verzichtete auf Kitsch und entwirft mitreißende, poetische Bilder. Letztere werden mit Musik von Goldfrapp über Angelo Badalamenti und Air bis Moby unterlegt.

Kehrstephan gibt überzeugend eine Lotte, die, noch halb Kind, vom Gefühlssturm Werthers überfordert ist. Koenigs spielt ebenso treffend einen braven Verlobten, den man, obwohl er Werthers Gegenspieler ist, auch gern haben muss. Ullrichs Spiel ist, nach seinem absolut standfesten Horatio im Hamlet, wieder eine Freude. Egal, ob seinem Werther vor Liebe das Herz springt oder er mit wahnsinnigem Glanz in den Augen versucht, sein Elend wegzureden.
 (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 26. 1. 2011)

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