Kadetten klagen über Saufgelage auf der "Gorch Fock"

Alkohol-Exzesse, Drohungen, sexuelle Nötigung: Auf dem deutschen Segelschulschiff ging es nach Berichten hoch her

Eigentlich hatte der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit der Suspendierung von Gorch-Fock-Kapitän Norbert Schatz Druck aus der Sache nehmen wollen. Doch das deutsche Segelschulschiff ist weiterhin in schwerer See - auch wenn es nach wie vor im Hafen von Ushuaia (Argentinien) auf seine Heimfahrt nach Kiel wartet.

Denn mehrere deutsche Medien zitieren aus einem Bericht, den Offiziersanwärter, die auf der Gorch Fock ausgebildet werden, dem Wehrbeauftragten des deutschen Bundestages, Hellmut Königshaus, übermittelt haben. Darin ist von massiven Alkoholexzessen der Stammbesatzung die Rede. Einmal soll ein betrunkener Ausbilder den Kadetten erklärt haben, "dass er Offiziersanwärter hasse und sie töten würde".

Es gibt auch Hinweise auf sexuelle Belästigung. So gab ein Soldat an, er sei in der Dusche bedrängt worden. Am Schiff sei es "ähnlich wie im Knast, jeder Neue müsse seinen Arsch hinhalten". Den Kapitän hätten die Offiziersanwärter hauptsächlich in der Badehose gesehen. Kritisiert wurde auch, dass die Stammbesatzung zwei Tage nach dem Unfalltod einer 25-jährigen Offiziersanwärterin, die aus der Takelage gestürzt war, Karneval feierte und die Auszubildenden Erbrochenes der Stammmannschaft auf dem Deck wegputzen mussten.

Auch Wehrbeauftragter Hellmut Königshaus beklagt in seinem am Dienstag vorgelegten Bericht Führungsschwächen bei der deutschen Bundeswehr, wenngleich er keine systematischen Verstöße gegen Regeln sieht. Insbesondere unerfahrenen Vorgesetzten fehle es aber "an Wissen und Gespür dafür, wann die Grenzen zum Dienstvergehen beziehungsweise zur Straftat überschritten werden", heißt es in seinem Jahresbericht. Er forderte Guttenberg auf, bei der anstehenden Heeresreform dafür zu sorgen, dass die Disziplin in der Truppe besser werde.

Gerücht um Rache der FDP

Es ist nicht das erste Mal, dass die Bundeswehr von einem Skandal erschüttert wird. 2006 etwa tauchten Fotos aus Afghanistan auf, auf denen Soldaten ihre entblößten Genitalien neben Totenschädel hielten. 2010 wurde bekannt, dass "Neulinge" bei den Gebirgsjägern im bayerischen Mittenwald (wo auch Guttenberg selbst diente) rohe Schweineleber essen mussten.

Dennoch wird in Berlin gemutmaßt, dass die Zustände auf der Gorch Fock nicht zufällig gerade jetzt von Königshaus publik gemacht wurden. Der FDP-Politiker ist ein Vertrauter von Außenminister Guido Westerwelle (FDP), der mit Guttenberg wegen der Afghanistan-Strategie im Clinch liegt. Westerwelle will die deutschen Soldaten schneller abziehen als Guttenberg. Doch Guttenberg hat mittlerweile auch in den eigenen Reihen Ärger. In einem Papier des Kanzleramtes und in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird kritisiert, dass Guttenberg das eigentlich in der schwarz-gelben Koalition vereinbarte Sparziel von 8,3 Milliarden Euro bis zum Jahr 2014 nicht erbringen will. Kanzlerin Angela Merkel sieht zu wenig Einsparung in der Führungsebene der Bundeswehr und fordert außerdem mehr Schließungen von Kasernen als von Guttenberg geplant. In der Fraktion heißt es, man stehe voll hinter Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Und der pocht auf den Sparkurs. (Birgit Baumann aus Berlin, STANDARD-Printausgabe, 26.01.2011)

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