"Wir bleiben nicht bei den Schmerzen stehen"

25. Jänner 2011, 16:41
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Macht Migration krank? Indirekt schon, meint Andrea Topitz, Leiterin der Abteilung für Transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen am AKH

Krank sein ist schon an sich unerfreulich. Krank sein und der Landessprache nicht mächtig sein, ist noch unerfreulicher. Krank sein, der Landessprache nicht mächtig sein, und keine Versicherung haben - das ist schon eine gröbere Zumutung, sowohl für den betroffenen Patienten, als auch für die medizinische Einrichtung.

Transkulturelle Psychiatrie

Um auch in solchen Fällen eine adäquate medizinische Versorgung zu gewährleisten, rief der Psychiater und Neurologe Alexander Friedmann vor rund zehn Jahren die Ambulanz für transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen ins Leben. Nach seinem plötzlichen Ableben 2008 übernahmen die Psychiater Andrea Topitz, Martin Aigner und Thomas Stompe die Leitung der Ambulanz.

Warum brauchen Migranten im wahrsten Sinne des Wortes eine Sonderbehandlung? Da ist zum einen das Verständigungsproblem, auf Grund mangelnder Sprachkenntnisse der Patienten. „Leider verfügen wir über keinen eigenen Dolmetscherpool, dazu fehlen uns die Ressourcen", erzählt Andrea Topitz bedauernd. Also heißt es „Kommen Sie nächstes Mal bitte mit einem Dolmetscher", und damit sind meistens Kinder, Verwandte und Bekannte der Patienten gemeint.

"Es tut alles ständig weh"

Hinzu kommen kulturspezifische Faktoren: "Psychosomatik gibt es in jedem Kulturkreis, aber der Umgang damit variiert", schildert Topitz. So neigen etwa südosteuropäische Frauen dazu, Schmerzen viel dramatischer und massiver zu schildern als Österreicherinnen: "Die Patientinnen drücken ihre Schmerzen anders aus, diffuser und weniger differenziert, es tut alles weh und ständig, und auch die Affektlabilität ist gesteigert, die Frauen weinen und klagen viel", erzählt Topitz.

Die Schmerzen können ein Ausdruck für die prekäre Gesamtsituation sein, denn es ist leichter, über körperliche Beschwerden eine Anlaufstelle und eine Ansprechperson zu finden. "Wir bleiben aber nicht bei den Schmerzen stehen, wir versuchen, den Gesamtkontext zu sehen und damit einen ganzheitlichen Zugang zum Patienten zu finden", betont Topitz, „das unterscheidet uns von der herkömmlichen Psychiatrie."

Wenn Patienten auf Grund ihres ungeklärten Asylstatus über keine Versicherung verfügen, ist Improvisation gefragt: Die Caritas, die Diakonie oder Ute Bock übernehmen nach Möglichkeit die Kosten, der eine oder andere Arzt versorgt die Patienten ohne Rezept mit Medikamenten, aber solche Maßnahmen können nur Tropfen auf den heißen Stein sein.

Medikamentenkonsum: übermäßig und wahllos

Die Patientengruppe der Migranten zeichne sich durch einen übermäßigen und wahllosen Umgang mit Medikamenten aus. Das kann unter anderem daran liegen, dass Ärzte normalerweise nicht die Möglichkeit haben, sprachunkundigen Patienten genügend Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen und diese mit Tabletten "abfertigen." Hier kann ein transkultureller Zugang Abhilfe schaffen, meint Topitz: "Ich versuche, meinen Patienten genau aufzuschreiben und zu erklären, wie sie die Medikamente einnehmen sollen. Es ist ganz wichtig, dass der Patient das Gefühl hat, als Person und mit seinem Anliegen ernstgenommen zu werden."

Krankmachendes System

Manche Klienten der transkulturellen Ambulanz stehen unter hohem Druck, weil ihr Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist und sie ständig von einer Abschiebung bedroht sind. Solche re-traumatisierenden Umstände generieren einen Teufelskreis von Angst, Rückzug und Schmerzen, aus dem die Patienten trotz psychiatrischer Medikation und Betreuung kaum herausfinden können.

Wie geht es den Psychiatern dabei? "Manche Einzelschicksale sind entsetzlich. Ich arbeite zum Beispiel mit einer armenisch-aserbaidschanischen Familie, die Eltern sehen im Fall einer Abschiebung ihr Leben bedroht. Damit hadere ich unheimlich, weil ich so wenig für diese Leute tun kann und mich so hilflos fühle." Ob die Ärztin unter solchen Umständen ihre Arbeit noch gerne macht? „Es hat mich schon immer interessiert, mit Randgruppen zu arbeiten. Das Neue, das Fremde ist für mich immer eine Bereicherung gewesen, nie eine Bedrohung." (Mascha Dabić, 25. Jänner 2011, daStandard.at)

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