Arbeitsmedizin: Viele Arbeitnehmer benachteiligt

26. Jänner 2011, 09:29
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Mehr und umfassendere Betreuung gefordert - Unternehmen und Arbeitnehmer betonen Bedeutung - 1,6 Mio. Arbeitnehmer benachteiligt

Wien - Laut den Ergebnissen einer Umfrage der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin (AAm) ist auf dem Gebiet der arbeitsmedizinischen Versorgung noch viel zu tun. Vor allem die Prävention von psychischen Problemen kommt derzeit noch eindeutig zu kurz. Das Meinungsforschungsinstitut Spectra hat im Rahmen einer repräsentative Umfrage bei 300 Arbeitnehmern, 300 Arbeitgebern und 140 Arbeitsmedizinern nachgefragt. 

Anerkennung nach Firmengröße

Die Einschätzung der Bedeutung der Arbeitsmedizin nimmt mit der Firmengröße zu: 48 Prozent der Arbeitgeber schätzten die Leistungen der Arbeitsmedizin als wichtig oder sehr wichtig ein. Bei den Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten waren es 89 Prozent, bei den Betrieben mit weniger als Arbeitnehmern nur 36 Prozent. Ähnlich ist die Situation bei den Arbeitnehmern: Insgesamt beurteilen 68 Prozent die Rolle der Arbeitsmedizin mit wichtig oder sehr wichtig, in den größeren Betrieben (mehr als 50 Beschäftigte) sind es 78 Prozent.

"Unternehmen mit ein bis zehn Mitarbeitern sollten alle zwei Jahre eine arbeitsmedizinische Betreuung von ein bis zwei Stunden anbieten. Unternehmen mit zehn bis 50 Mitarbeitern jährlich. Das sind dann vier Minuten pro Jahr und Kopf", sagte Stefan Bayer, Präsident der Akademie. Erst bei einer Unternehmensgröße von mehr als 50 Beschäftigten sei eine ständige Versorgung sicherzustellen. Jeder vierte Betrieb in Österreich lasse seine  Mitarbeiter nicht arbeitsmedizinisch betreuen, 1,6 Millionen Arbeitnehmer seien damit benachteiligt.

Entwicklung der Arbeitswelt berücksichtigen

Dabei sollte sich die arbeits- und nunmehr auch "wirtschaftsmedizinische" Betreuung auf neue Bereiche ausdehnen, um der Entwicklung der Arbeitswelt Rechnung zu tragen. Der Experte: "Früher hatten wir eine Produktionsgesellschaft, heute haben wir eine Dienstleistungsgesellschaft."  Im Jahr 2015 werde jeder dritte Arbeitnehmer über 50 sein. Dieser Anteil sei dann doppelt so groß wie jener der 20- bis 29-Jährigen. "Wir haben als einziges europäisches Land einen großen Zuwachs an Invaliditätspensionen." Hier würden vor allem in der Altersgruppe der 51- bis 54-Jährigen speziell psychische Ursachen dahinter stecken.

Bayer: "Das schlägt mit 120 Millionen Euro im Budget zu Buche." Deshalb müsste auch die arbeitsmedizinische Versorgung in Zukunft besonders auf die Prävention von psychischen Problemen ausgerichtet und ausgeweitet werden. Die Akademie für Arbeitsmedizin biete hier entsprechende Ausbildungsmodule an und spiele in Europa eine Vorreiterrolle. Unter dem Begriff "Wirtschaftsmedizin" werden auch Methoden verstanden, bei denen Arbeitsmediziner Abläufe und Umfeld der Arbeitnehmer ganzheitlich analysieren, um Gefährdungspotenziale zu identifizieren und zu beseitigen. Der Experte: "Eine Umfrage des ÖGB hat ergeben, dass es in Österreich 1,5 Millionen Burn-out-gefährdete Arbeitnehmer gibt. (APA/red)

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